Schmerzmedizin 6 / 2017

auch den zweiten großen Vorteil der CGRP-Hemmer-Therapie: Sie wird – zu- mindest wenn die bisher verfügbaren Daten zugrunde gelegt werden – deut- lich besser toleriert als Valproat, Ami­ triptylin und Co. „Die Abbruchraten in den bisherigen Studien lagen in der Größenordnung von 2% bis 4% und sind damit extrem niedrig“, erklärte Reuter. Unerwünschte Ereignisse waren in den Phase-III-Stu- dien äußerst selten. Abgesehen von Reaktionen an der Injektionsstelle habe es in den Verumgruppen keine Ereignis- se gegeben, die häufiger gewesen wären als in den Placebogruppen. Die Sicherheitsdaten der Phase-III- Studie beziehen sich bisher in der Regel auf den 3-Monats-Zeitraum. Reuter konnte in Vancouver aber auch eine ers- te Interimsanalyse einer laufenden Open-Label-Studie zu Erenumab vor- stellen, bei der 383 Patienten im Mittel für 575 Tage behandelt worden waren [Ashina M et al. Neurology 2017;89 (12):1237–43]. Auch hier seien die Raten an Nebenwirkungen sehr niedrig: „Es gibt bisher keinen Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Ere- numab und irgendeiner Erkrankung“, so Reuter. Exploratorische Studie zur kardiovaskulären Sicherheit Das trifft auch auf die kardiovaskulären Erkrankungen zu. Diesen gilt im Zusammenhang mit CGRP-Hemmern besondere Aufmerksamkeit, da CGRP einer der potentesten Vasodilatatoren ist, die dem menschlichen Organismus zur Verfügung stehen. Es gibt unter ande- rem die Hypothese, dass eine CGRP- Blockade mit kardioprotektiven Mecha- nismen interferieren könnte, die bei akuter Ischämie greifen. In diesem Kontext wurde in Vancou- ver eine explorative, randomisiert-place- bokontrollierte Sicherheitsstudie vorge- stellt, bei der 89 Patienten mit stabiler Angina pectoris einmalig 140 mg des CGRP-Rezeptor-Blockers Erenumab oder Placebo i. v. injiziert wurden. Da- nach erfolgte eine Belastungsuntersu- chung. Die Ergebnisse waren völlig un- auffällig. Weder unterschied sich die mittlere Belastungsdauer zwischen Ve- rum- und Placebogruppe noch gab es Unterschiede bei der Zeit bis zum Auf- treten von ST-Senkungen ≥ 1 mm oder bei der Zeit bis zum Auftreten einer be- lastungsinduzierten Angina pectoris. In akuten Ischämiesituationen scheint die CGRP-Blockade damit keine klinisch fassbaren negativen Effekte zu haben. Philipp Grätzel von Grätz Reuter U. Anti-CGRP-treatment: small molecules and monoclonal antibodies: summary of clinical efficacy from RCTs. Plenary Session: CGRP and monoclonal antibodies, und Late-breaking- Session CGRP monoclonal antibody industry platform presentation. 18. IHC-Kongress, Vancouver/Kanada, 8. September 2017 Hinweise auf Nutzen der nicht invasiven Hirnnervenstimulation bei Migräne Es müssen nicht immer Tabletten sein: Die nicht invasive, elektrische Stimula- tion des Nervus vagus (nVNS) beziehungsweise des Nervus trigeminus (eTNS) bringt sich als Alternative zu Medikamenten bei der Akuttherapie früher Migräneattacken ins Spiel. B ei der Internationalen Kopfschmerz- konferenz 2017 in Vancouver wur- den zu beiden Verfahren randomisierte, Sham-kontrollierte Studien vorgestellt. In der von Cristina Tassorelli vom Hea- dache Science Center der Universität Pa- via koordinierten, italienischen Multi- center-Studie PRESTO kam das Gerät gammaCore des Unternehmens Desitin zum Einsatz. Es wird entlang der Hals- schlagadern aufgesetzt und stimuliert dort einige Minuten den Nervus vagus. Das soll den nozizeptiven Reflex beein- flussen und so schmerzlindernd wirken. Patienten, bei denen die erste Behand- lung nicht anschlug, wiederholten die Prozedur nach einer Viertelstunde ein- malig. Primärer Endpunkt war die Schmerzfreiheit nach zwei Stunden. Dies erreichten 30,4% der Patienten in der Stimulatorgruppe und 19,7% in der Sham-Gruppe. Die Signifikanz wurde hier knapp verfehlt. Nach 30 Minuten und nach einer Stunde war der Unter- schied allerdings signifikant, hier waren 12,7% und 21,0% schmerzfrei, jeweils mehr als doppelt so viel wie in der Ver- gleichsgruppe. Auch bei dem wichtigs- ten sekundären Endpunkt, dem Anteil der Patienten, die entweder schmerzfrei waren oder nur milde Beschwerden auf- wiesen, wurde die statistische Signifi- kanz erreicht. Tassorelli sieht die PRES- TO-Studie deswegen als starkes Argu- ment, die nVNS bei akuten Migräne­ attacken einzusetzen. Mit 106 Patienten etwas kleiner war eine ähnlich designte Studie zur eTNS. Dabei tragen die Patienten eine Art Bü- gel auf der Stirn, der von dem US-Unter- nehmen Cephaly entwickelt wurde und noch Prototypenstatus hat. Der Bügel stimuliert über etwa eine Stunde supra- orbital den Nervus trigeminus, wofür der Stimulator sehr präzise gesetzt wer- den muss. In der Sham-Gruppe wurde ebenfalls stimuliert, jedoch mit niedri- gerer Pulsfrequenz und Stromstärke. Anders als die nVNS-Studie erreichte die von Dr. Denise Chou, Columbia Uni- versity, koordinierte, kleinere und nur monozentrische Studie zur eTNS ihren primären Endpunkt: Der auf einer VAS von 0 bis 10 quantifizierte Schmerz ver- ringerte sich in der Stimulatorgruppe um 59%, in der Sham-Gruppe nur um 30%. Das war statistisch signifikant, und der Vorteil hielt auch nach 24 Stun- den noch an. Eine Verringerung der Schmerzen um mehr als die Hälfte er- reichten 63% vs. 31% der Patienten. Philipp Grätzel von Grätz Tassorelli C. Non-invasive vagus nerve stimula­ tion (nVNS) for the acute treatment of migraine: a randomized controlled trial. Late breaking ab- stracts – Clinical and basic science. 18. IHC-Kon- gress, Vancouver/Kanada, 9. September 2017 Medizin aktuell IHC-Kongress in Vancouver 12 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

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