Schmerzmedizin 6 / 2017

DGS-Onlinebefragung Tumorpatienten oft ohne adäquate Schmerztherapie Krebspatienten erhalten häufig keine adäquate Schmerztherapie. Eine besonders gravierende Unter-, Fehl- und Überversorgung fand sich bei Durchbruchschmerzen. Das ist das Ergebnis der bundesweiten Online- befragung „PraxisUmfrage Tumorschmerz“, die mehr als 5.500 Patien- ten mit Tumorschmerz umfasst und nun anlässlich des Deutschen Schmerzkongress 2017 vorgestellt wurde. D ie Onlinebefragung war gemein- sam von der Deutschen Gesell- schaft für Schmerzmedizin (DGS) sowie der Deutschen Schmerzliga (DSL) initiiert worden und erfolgte zwischen Januar und Juni dieses Jahres. Wie PD Dr. Michael Überall, Vizepräsident der DGS, konstatierte, hat sie seine schlimmsten Befürchtungen übertrof- fen, denn gegenüber der Befragung aus dem Jahr 2007 habe sich kaum etwas zum Positiven verändert. Noch immer seien Aspekte jenseits der reinen Tumor- therapie nicht gut versorgt, so Überall. Gemisch aus Unter-, Fehl- und Überversorgung Er fasste die Daten aus der Patientenbe- fragung (n = 5.576), die 20 Parameter evaluierte, darunter Schmerzintensität, Schmerzattacken, Durchbruchschmerz und Schlafqualität, kommentierend wie folgt zusammen: — Zwei von drei Tumorpatienten litten seit mindestens drei Jahren unter Tu- morschmerzen. — Die Hälfte der Patienten hatten Hin- tergrundschmerzen mit einer Intensi- tät von 30 –35 mm VAS; 20 –30% der Patienten waren unter ihrer Therapie unzureichend versorgt (Dauerschmerz 50 mm VAS) und hätten einer Thera- pieeskalation bedurft. — Fünf von zehn Patienten verfehlten ihr individuelles Behandlungsziel. — Zwei von drei Patienten erhielten für ihre Dauerschmerzen einWHO-Stufe 3-Opioid. — 70% der Patienten hatten echte tumor­ bedingte Durchbruchschmerzen, die eine Optimierung der Hintergrund- schmerztherapie erfordert hätten; 30% mit instabilen Dauerschmerzen, „End-of-dose-failure“- beziehungs- weise neuropathischen Schmerzatta- cken (keine echten Tumordurch- bruchschmerzen) waren fehl-, unter- oder durch die Durchbruchschmerz- therapie überversorgt (40% in Form von hochpotenten Opioiden, 20% mit „Rapid-onset“-Opioiden). Daraus könne geschlossen werden, dass die Ärzte nicht genau reflektieren würden, was die Grundlage der Schmerzen sei. — In der Gruppe mit echten tumorbe- dingten Durchbruchschmerzen (n=2.643, überwiegend fortgeschritte- ne Erkrankung nach TNM-Klassifika- tion) berichteten zwei von drei Patien- ten über ≥ drei Durchbruchschmerz- episoden pro Tag, ausgelöst durch täg- liche Verrichtungen wie Aufstehen, Darmentleerung. Aber nur 70% erhiel- ten eine Dauerschmerztherapie mit einem WHO-Stufe-3-Opioid, was die Erstmaßnahme zur Reduktion der Zahl der Attacken sein sollte. — Durch die Intensität der Durchbruch- schmerzen (bei 50% ≥ 80 mmVAS) im Vergleich zu Dauerschmerzen (50% ≥ 40 mm VAS) war die Teilhabe am Leben deutlich eingeschränkt, der Lei- densdruck groß. — Die bevorzugt eingesetzten „Short- acting“-Opioide waren aus Patienten- sicht ebenso wirkungslos wie die eben- falls gegebene „Rescue“-Medikation mit Nichtopioiden und niederpoten- ten Opioiden der WHO-Stufe 2. Nur ein Bruchteil dieser Patienten, die ei- gentlich für den Einsatz von Rapid- onset-Opioiden in Betracht kommen, erhielt diese. Mögliche Gründe hierfür sind laut Überall Unkenntnis und Un- sicherheit imUmgang mit diesen Prä- paraten sowie die Fixierung auf ursa- chenorientierte (onkologische) Thera- piekonzepte, statt einer Reflektion der tatsächlichen Patientenbedürfnisse. Weitere Informationen unter: www.PraxisUmfrage-Tumorschmerz.de Dr. Wiebke Kathmann ©© DGS Die Patienten­ umfrage lief von Januar bis Juni 2017. DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 48 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

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