Schmerzmedizin 6 / 2017

Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps Die elektronische beziehungsweise mobile Gesundheitstechnologie breitet sich in der Patientenversorgung unaufhaltsam aus. Die Zahl von Apps steigt exponentiell. Was Ärzte und Fachgesellschaften bedenken sollten, war Thema beim Schmerzkongress. E in ganzes Symposium war in Mann- heim der digitalen Revolution in der Behandlung chronischer Schmerzen ge- widmet und ging der Frage nach, ob dies als Durchbruch zu werten ist. Die Ant- wort ist nicht einfach. Klar ist, dass die Digitalisierung nicht mehr zurückgehen wird – so PD Dr. Urs-Vito Albrecht, Peter L. Reichertz Institut für Medizini- sche Informatik der Medizinischen Hochschule Hannover. Sein Aufruf: „Gestalten Sie die Entwicklung mit und nutzen Sie deren Chancen. Mitgestalten ist allemal besser als mit sich machen lassen.“ Denn der Patient werde diese Technologie zunehmend nutzen und der Arzt seine Autorität verlieren, wenn er nicht mitgehe. Schon jetzt gibt es in den Stores 185 Apps mit Schmerzbezug. Die meisten sind kein Medizinprodukt mit CE- Kennzeichnung oder FDA-Klasse II- Klassifizierung. Dies wäre aber für den Einsatz durch den Arzt, der sie als Be- handlungsvertretung einsetzt und dar- auf angewiesen ist, dass sie funktionie- ren, wichtig, betonte Albrecht. Als sym- ptomatisch bezeichnete Albrecht zudem, dass nur 17% der medizinischen Schmerz-Apps in den letzten zwölf Mo- naten aktualisiert worden seien – ange- sichts des medizinischen Fortschritts bedeutet dies eine fragliche Aktualität der Inhalte. Problematisch sei ferner, dass die Betriebssystemanforderungen oft nicht erfüllt seien und die Funktio- nalität beispielsweise von HealthKits so- mit nicht ausgeschöpft werden könne. Auch Audio- und Videoangebote, die für Patienten oft hilfreich sind, seien zum Teil aufgrund ihrer Größe nicht nutzbar, zumal mobile Endgeräte in der Regel keine Möglichkeit zum Anschluss von externen Speichern bieten. Wichtig sei es schließlich, dass der Arzt sich über die Refinanzierung dieser e-Health-Ange- bote im Klaren sei – bei Apps oftmals über Werbung. Kriterienkatalog durch Fachgesellschaften erstellen Da Gütesiegel oftmals wenig aussage- kräftig sind, riet Albrecht dazu, die Si- cherheit und den Patientenschutz von medizinischen Apps über die Fachge- sellschaft zu steuern. Konkret könne das so aussehen, dass zunächst eine Konsen- tierung von medizinischen, rechtlichen, ethischen, technischen und praktischen Anforderungen an eine Software erfolge, welche die Mitglieder benutzen möchten, können und dürfen. Hersteller und An- bieter erhalten so über einen Kriterien- katalog eine Orientierung und könnten damit werben, dass die App nach den Anforderungen der Fachgesellschaften entwickelt wurde. Im nächsten Schritt könnten dann App-Angebote von der Fachgesellschaft gezielt formal geprüft und Best-Practice-Beispiele formuliert werden. Dies befördere auch den Wett- bewerb unter den Anbietern und erlau- be diesen wiederum die Werbung mit demHinweis „Anforderungen der Fach- gesellschaft erfüllt“. Dr. Wiebke Kathmann „Digitale Revolution in der Behandlung chroni- scher Schmerzen: e- und m-Health als Durch- bruch?!“, Deutscher Schmerzkongress, Mann- heim, 13. Oktober 2017 Den meisten Gesundheits-Apps fehlt eine CE-Kennzeichnung. ©© vege / stock.adobe.com Impotenz – eine unerwünschte Folge der Opioidtherapie? Im Rahmen der Behandlung von Tumorschmerzen kann es zu einer Opioid- induzierten Endokrinopathie sowie Kognitions- und Vigilanzveränderungen kommen. Welche klinische Bedeutung ihnen zukommt, beleuchtete ein Sym- posium des Schmerzkongresses. O pioide sind hormonmodulierende Substanzen. Daran werde häufig nicht gedacht, so PD Dr. Stefan Wirz, Zentrum für Schmerzmedizin am CURA Katholischen Krankenhaus in Bad Honnef. Das sei aber wichtig, da die Symptome Chronifizierungsmerkmale imitieren können, was eine Fehlbehand- lung nach sich ziehe. Prinzipiell sei eine Behandlung dieser unerwünschten Ne- benwirkung möglich. Eine chronische Opioidtherapie kön- ne nicht nur einen Testosteronmangel und damit eine Impotenz, chronische Anämie und Muskelatrophie befördern. Umgekehrt könne ein Testosteronman- gel auch Auswirkungen auf den chroni- schen Schmerz haben, berichtete Wirz. Stimmungsveränderungen, Depression, Angst, Fatigue und Alzheimer-Demenz seien mögliche Folgen. Die Effekte auf die hormonelle Sekretion werden durch Opioidrezeptoren von Hypothalamus und Hypophyse vermittelt. Laboruntersuchung nur bei klinischen Zeichen Wirz riet dazu, bei Hypogonadismus mit Anämie, Reduktion der Muskelmasse, Osteoporose, instabiler Gefäßregulation, erektiler Dysfunktion, reduzierter Libi- Medizin aktuell Deutscher Schmerzkongrgess 2017 18 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

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