Tab. 9: Detaillierte Aufarbeitung der begangenen Suizide unter palliativmedizinischer Behandlung
Palliativmediziner ID 3 (
gibt zusätzlich fünfmal freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit an)
1.
Sprung aus dem Fenster, direkt nach Krebsdiagnose der Ehefrau als Kurzschlusshandlung.
2. –3.
Bilanzsuizide (Medikamente) bei insgesamt guter Symptomkontrolle, nach dem Motto: meinen Todeszeitpunkt wähle ich selbst und warte nicht auf
schlimmere Symptome oder auf Pflegebedürftigkeit
Palliativmediziner ID 6
4.
„Der Patient war 40 Jahre alt. 20 Jahre Multiple Sklerose. Er war sehr klar im Kopf, wollte über lange Zeit nicht mehr. Im Endstadium, konnte er die Zigarette
fast nicht mehr halten. Es war angekündigt, wir kannten ihn seit fast 10 Jahren und auch seine Eltern. Keine Indikation für palliative Sedierung???“
Palliativmediziner ID 8
5.
„Ein betagter Mann in verzweifelter Lage als Wiederholung! Seine Frau war akut ins Krankenhaus gekommen, er alleine zu Hause! Wiederholt akute soziale
Dekompensation.“
—
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NACHFRAGE 1: Hatte der Patient es vorher angekündigt und um Unterstützung dafür gebeten? „Nein.“
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NACHFRAGE 2: Wenn der Patient belastende Symptome hatte, hat dann der Patient palliative Maßnahmen bis hin zur palliativen Sedierung ausgeschöpft,
waren solche Maßnahmen nicht verfügbar oder wurden solche Maßnahmen abgelehnt? „Nein nicht zutreffend.“
Palliativmediziner ID 14
6.
„Zwischen 60 und 70 Jahre alt. Bei dem Suizidpatienten waren wir erst wenige Tage in der SAPV dabei, er hatte moderate Symptome und hat sich ohne jede
Ankündigung (auch gegenüber Angehörigen) mit einem Pistolenschuss im heimischen Schlafzimmer (Aggression gegen die Ehefrau???) in den Kopf ge-
schossen.“
Palliativmediziner ID 15
7–9.
Die genannten Zahlen sind Schätzungen aus der Erinnerung. Die Beihilfe zum Suizid wird so gut wie nie konkret nachgefragt. Die Alternative einer Ster-
behilfeorganisation wird gelegentlich diskutiert und danach in der Regel verworfen.
Palliativmediziner ID 19
10.
„Der Patient war 65 Jahre alt – es bestand das regionale Rezidiv eines Larynx-Karzinom mit zervikalen, nuchalen und thorakalen Tumormassen – immer
wieder oberflächlich blutend, aber nicht problematisch schmerzhaft. Essen und Trinken war zunehmend schwierig, zeitweise auch Geruchsproblematik.
Der Patient hatte als Jugendlicher ein Ewing-Sarkom und das rechte Bein wurde in der Hüfte exartikuliert. Es bestand in der Zeit als junger Erwachsener ein
Alkoholproblem und die erste Ehe wurde geschieden. Der Patient heiratete dann zum 2. Mal und bekam sein Leben gut in den Griff. Der Patient äußerte
immer wieder seiner Ehefrau und der Umwelt nicht mehr zur Last fallen zu wollen und nicht mehr kämpfen zu wollen und zu können.
Hilfsangebote wurden weitgehend abgelehnt, einschließlich die Möglichkeit von psychoonkologischen Gesprächsangeboten oder auch einer palliativen
Sedierung zum gegebenen Zeitpunkt, er allein wollte Herr des Handelns bleiben. Der Suizid wurde mehrfach angekündigt, es wurde auch um Unterstüt-
zung gebeten –allerdings immer auch mit dem Hinweis„ich weiß, wie es geht.“ Ein erster Suizidversuch durch Einnahme eines Tablettenmix scheiterte, der
Patient schien danach selbst eher distanziert zu seinemVorhaben, kurze Zeit später erfolgte dann der Suizid durch Tablettenintoxikation.
Die damaligen Geschehnisse bleiben bis zum heutigen Zeitpunkt gerade bei ähnlichen Konstellationen ein Thema für unser Team.“
Palliativmediziner ID 20
11.
„Eine Patientin mit Ehemann durch Gasherd (Tat war geplant und wurde von der Polizei geklärt), keine belastende Symptome, jedoch Angst vor Bettläge-
rigkeit und Leid in der Zukunft“
12.
Einmal Fahrt in die Schweiz, keine belastende Symptome, jedoch Angst vor Bettlägerigkeit und Leid in der Zukunft.
13.
Die dritte Patientin hat ca. 500 IE Altinsulin verwendet, keine belastenden Symptome, jedoch Angst vor Bettlägerigkeit und Leid in der Zukunft.“
Palliativmediziner ID 23
„Da ich die Fragen schnell durchgeklickt habe und aus dem Bauch entschieden habe, sind es natürlich nicht unsere harten Daten. Der Wunsch auf Tötung wird
in unserem Alltag häufig so an uns herangetragen, dass der Patient sagt:„Am Besten ist es, Sie geben mir eine Spritze, dann ist alles vorbei.“ Nachfragen erge-
ben regelmäßig, dass er es häufig doch anders meint. Palliative Sedierung heißt bei mir, dass die Patienten am Ende schon z.B. Benozodiazepine in der Thera-
pie haben, auch in steigenden Dosierungen, aber sie sind noch erweck- und ansprechbar. Und trotzdem gibt es Patienten, die gleich tief schlafen wollen und
diesenWunsch auch explizit so äußern.
Es gibt aber auch Patienten, die die Möglichkeit einer palliativen Sedierung ablehnen, trotz wirklich detaillierter Aufklärung und häufig unter einem starken To-
deswunsch leiden und sich endlich ein Ende herbeisehnen. Denen möchte man manchmal wünschen, dass sie es endlich geschafft haben, auch wenn es dazu
einer Hilfe bedarf, welcher Art auch immer. Warum sich diese Patienten gegen eine palliative Sedierung entscheiden, kann ich Dir nicht sagen.
Wir versuchen alle Möglichkeiten auszuschöpfen, stoßen aber an unsere Grenzen. Die beiden Suizidenten haben es nicht angekündigt sondern den Suizid ein-
fach zur Überraschung Aller ausgeführt. Auch von der Familie haben wir hinterher erfahren, dass sie sich durch die SAPV gut betreut fühlten.“
14. – 15.
Der Eine hat sich erschossen, der Andere ist vom Dach gesprungen.
Palliativmediziner ID 32
16.
Er hat sich alle Fentanyl-Pflaster geklebt und alle Medikamente eingenommen die er hatte, auch Novalgin etc. Ist von der Ehefrau gefunden worden, stati-
onär aufgenommen und im Krankenhaus gestorben, nicht in meiner Klinik. Ankündigung nicht bekannt, Ursache wohl am ehesten fehlende Lebensquali-
tät, aber nicht aufgrund mangelnder Symptomkontrolle.
17.
Nur ein Verdacht auf Einnahme größerer Mengen Opiate in suizidaler Absicht, Patient ist gestorben. Genaueres ließ sich vor Ort nicht mehr klären.
Schmerzmedizin 2016; 32 (3)
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