Kontra:
Keine unbedachte Liberalisierung von
Cannabis in der Schmerzmedizin
„K
iffen gegen Krebs? (…) unbestritten
ist die schmerzlindernde Wirkung
von Cannabis“, so fassen die verantwort-
lichen ARD-Redakteure der Internetsei-
ten der Tagesschau am 6. April 2016 ak-
tuell die wichtigsten Informationen zu-
sammen. Leider übersehen sie dabei,
dass – im Gegensatz zu vielen anderen
Wirkungen – gerade die schmerzlindern-
den Effekte von Cannabis alles andere als
„unbestritten“ sind [1].
Fasst man die aktuell verfügbaren
wissenschaftlichen Daten für den Be-
reich Schmerz- und Palliativmedizin zu-
sammen, so ist die Wirkung von Canna-
binoiden weder in der palliativen Ver-
sorgung von Tumorpatienten (wie zur
Schmerzlinderung, Appetitsteigerung
oder Linderung von Schlafstörungen),
noch der von HIV-Patienten (etwa
Appetitsteigerung, Übelkeit/Erbrechen
und Lebensqualität) der von Placebo
überlegen. Ähnliche Befunde ergeben
sich für placebokontrollierte Studien mit
Cannabinoiden
bei
chronischen
Schmerzen in Folge einer Fibromyalgie,
Rückenschmerzen, Osteoarthrose oder
rheumatoider Arthritis. Einzig bei Pati-
enten mit neuropathischen Schmerzen
zeigte sich eine gegenüber Placebo ge-
ringfügig überlegene Wirksamkeit, bei
allerdings schlechterer Verträglichkeit.
In diesem Zusammenhang ist bemer-
kenswert, dass es – trotz umfangreichs-
ter Aktivitäten – bislang weltweit keine
placebokontrollierte Studie gibt, die die
analgetische Wirkung von Cannabinoi-
den so einwandfrei nachweist, dass es zu
einer Neuzulassung als Analgetikum
oder zu einer entsprechenden Zulas-
sungserweiterung gereicht hätte.
Die als Reaktion auf diese ernüchtern-
den Fakten üblicherweise folgende Ent-
gegnung, dass diese beschränkte Wir-
kung nur die Cannabisextrakte betreffe,
während der Effekt von Medizinalhanf
vielfach besser sei, kann – jenseits indi-
vidueller Erfahrungsberichte – nicht
wirklich systematisch nachvollzogen
werden. Unverändert gibt es weder
placebokontrollierte Studien noch ver-
gleichende Untersuchungen mit den be-
reits verfügbaren Cannabinoidextrak-
ten. Unabhängig davon erscheinen die
Verweise, dass es „keine andere Substanz
gebe, die ein so breites Anwendungs-
spektrum habe wie Cannabis“ und „sei-
ne Wirkung einfach zu komplex sei, als
dass sie sich mit den üblichen klinischen
Studienverfahren bestimmen ließe“ an-
gesichts der heutigen Möglichkeiten der
systematischen Anwendungsevaluation
im Rahmen kontrollierter klinischer
Studien und/oder praxisnaher Alltags-
studien, wenig plausibel. Umgekehrt
gibt es jedoch Berge an Evidenz, dass der
Gebrauch von Medizinalhanf oder der
seiner endkonsumentenfreundlichen
Zubereitungsformen (Marihuana und
Haschisch) häufig mit psychotropen Ne-
benwirkungen einhergeht und weder
positive noch negative Effekte rational
vorhersagbar sind.
Unbestritten sind die in kasuistischer
Form vielfach sowohl für die Fertig-/Rezepturarzneien als auch Medizinal-
hanf veröffentlichten Behandlungserfol-
ge, aber im 21. Jahrhundert sollten einer
Liberalisierung von Cannabinoiden
schon etwas mehr Fakten und Evidenz
zugrunde gelegt werden als bis dato ver-
fügbar. Darüber hinaus sollten auch die
etablierten Standards der qualitätsgesi-
cherten Bereitstellung von Arzneien für
die Anwendung am Menschen berück-
sichtigt werden, bevor man der sich ge-
rade anbahnenden gesellschaftlichen Li-
beralisierung psychotroper Drogen auch
schmerzmedizinisch den Weg ebnet.
Letztlich spricht somit nur wenig ge-
gen einen kontrollierten, in definierten
Fällen gegebenenfalls auch frühzeitige-
ren, vor allem jedoch (z.B. mit einem Be-
handlungsregister wie dem PraxisRegis-
ter Schmerz der Deutschen Gesellschaft
für Schmerzmedizin) prospektiv beglei-
teten Einsatz von Cannabinoiden in
Form der verfügbaren Fertig- oder Re-
zepturarzneien zur Behandlung von
Menschen mit therapieschwierigen/-re-
fraktären chronischen Schmerzen – vie-
les jedoch gegen die aktuell diskutierte
(und bundesverwaltungsgerichtlich le-
galisierte) Liberalisierung des Einsatzes
von Medizinalhanf.
Literatur
1.
http://www.tagesschau.de/inland/canna-bis-127.html
PD Dr. med.
Michael A. Überall
Medizinischer Direktor
des Instituts für Neuro-
wissenschaften, Algesio-
logie und Pädiatrie in
Nürnberg
Schmerzmedizin 2016; 32 (3)
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