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Besonderheiten der Pharmakotherapie bei

Hochbetagten

Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Damit verbunden steigt auch die

Zahl der Schmerzpatienten. Worauf bei der Pharmakotherapie älterer Patien-

ten geachtet werden sollte, erläuterte Dr. Oliver Emrich im Rahmen des Deut-

schen Schmerz- und Palliativtags.

I

n Vertretung für Dr. Thiesemann refe-

rierte Dr. Oliver Emrich mit Bezug auf

seine jahrzehntelange Erfahrung als

Schmerztherapeut zum Thema „Beson-

derheiten der Pharmakotherapie bei

Hochbetagten“. Dem „Hurra, wir werden

älter“ folgte die Ernüchterung: Auf der

Grundlage des Arztreportes der Barmer

GEK Ersatzkasse von 2016 erwartet mehr

als 50% der über 75-Jährigen eine Er-

krankung, die mit dem Symptom

Schmerz verbunden ist. Diese Erkran-

kungen bedingen in vielen Fällen die Ein-

nahme von Analgetika. In der Alters-

gruppe der 70 bis 85-Jährigen leiden be-

reits heute 55% der Patienten an zwei bis

vier Erkrankungen, 24% an über fünf

oder mehr, so dass eine Polymedikation

nicht ausbleibt.

Dem Hausarzt kommt vor allem die

Aufgabe zu, schwerpunktmäßig die Me-

dikamente auszuwählen, welche tatsäch-

lich in der spezifischen Situation des Pa-

tienten notwendig sind. In der Diskussi-

on waren sich Veranstaltungsteilnehmer

und der Referent einig, dass den hochbe-

tagten Patienten – sofern er den vielen

Leitlinien unterschiedlichster Erkran-

kungen folgend jeden medikamentösen

Rat befolgt – eine Flut anMedikamenten

erwartet. Deren Interaktionen seien un-

überschaubar und werden ihmmit hoher

Wahrscheinlichkeit mehr schaden als

nutzen. 35% der Heimbewohner nehmen

sieben bis neun, 12% zehn bis zwölf und

5,4% mehr als zwölf Medikamente täg-

lich ein, womit das Risiko unerwünschter

Arzneimittelwirkungen zunimmt.

Für den Metabolismus der Pharmaka

müssen vor allem die beiden Ausschei-

dungsorgane Leber und Niere betrachtet

werden. Das Lebervolumen bei Hochbe-

tagten nimmt bis zu 40% ab, die Leber-

durchblutung sinkt, aber die Ausstattung

mit Enzymen des Komplexes P450 lässt

kaum nach. Verteilungsräume für Phar-

maka sind verändert – Körperfett ist bei

70-Jährigen gegenüber 20-Jährigen um

35% erhöht. Das Plasmavolumen hinge-

gen um 8%, das gesamte Körperwasser

um 17% und das intrazelluläre wässrige

Kompartiment um 40% reduziert. Die

Ausscheidungsfunktion der Niere eines

80-Jährigen ist gegenüber einem jungen

Erwachsenen um 50% geringer, obwohl

das als Nierenfunktionsparameter be-

kannte Kreatinin weitgehend Normal-

werten entspricht. Dieses scheinbare Pa-

radoxon ist der verminderten Muskel-

masse geschuldet, so dass sich zur Ab-

schätzung der Nierenfunktion allein die

Kreatinin-Clearance eignet. Diese wird

uns in aller Regel vom Laboranbieter

nach der Cockcroft-Formel berechnet,

korrekt allerdings nur, wenn wir auf dem

Laboranforderungsschein auch das Ge-

wicht des Patienten neben dessen Alter

angeben!

Unerwünschte Interaktion

Wie nicht anders zu erwarten, nahm die

Welt der Cyp-Enzyme und die damit ver-

bundenen Interaktionen der Medika-

mente einen gebührenden Anteil der Vor-

tragszeit ein. Wussten Sie, dass das all-

seits beliebte Gingko Cyp-2C19 induziert

und damit den Abbau von Marcumar

steigert? Das bedeutet: Wird unter der

Gingko-Therapie die Marcumar-Dosis

entsprechend angepasst und Gingko

plötzlich abgesetzt, besteht eine akute

Blutungsgefahr. Paroxetin und Buprion

hemmen Cyp-2D6, damit wird die Wirk-

samkeit von Codein und Tramadol redu-

ziert. Unter der Medikation von Omepra-

zol wird Cyp-2C19 gehemmt und damit

Clopidogrel unwirksam. Rauchen indu-

ziert Cyp-1A2 mit der Folge, dass man

Duloxetin doppelt so hoch dosieren

müsste. Flupirtin setzt Cumarine aus der

Eiweißbindung frei, eineMedikation von

Fluvoxamin oder Ciprofloxacin induziert

Cyp-1A2, wobei die Wirksamkeit von

Duloxetin um das Fünffache ansteigt.

Inzwischen ist wohl vielen Ärzten be-

kannt, dass bei einer Kombinationsbe-

handlung von Ibuprofen und ASS ASS

mindestens zwei Stunden vor der Gabe

von Ibuprofen eingenommen werden

muss, um deren Wirksamkeit zu erhal-

ten. Außerdem sollte man wissen, dass

NSAID die Wirkung von SSRI und

ACE-Hemmern reduziert. Der verrin-

gerten Nierenausscheidungsleistung im

Alter ist selbstverständlich geschuldet,

dass Coxibe und NSAID im hohen Alter

relativ kontraindiziert sind, da sie die

Nierenfunktion potent weiter ver-

schlechtern können und vor allem Mor-

phin bei reduzierter Nierenfunktion

aufgrund der möglichen Kumulation

von Morphin-6-Glucuronid vermehrt

zentrale Nebenwirkungen haben kann.

Die reduzierte Reaktionsbreite des

zentralen Nervensystems lässt alte Men-

schen besonders anfällig auf anticho-

linerge Effekte von Pharmaka werden:

In der Schmerztherapie bei jungen Pati-

enten etablierte Substanzen wie Amitri-

ptylin sollten bei betagten Menschen gar

nicht oder nur mit großer Vorsicht ein-

gesetzt werden. Auskunft über beson-

ders ungeeignete Medikamente für alte

Menschen gibt die „Priscus“-Liste. Die

Anzahl der Medikamente soll über-

schaubar gehalten werden und der alte

weise Spruch „start low, go slow“ hat

heute mehr denn je seine Gültigkeit.

Dr. Eberhard A. Lux

Anwenderseminar „Besonderheiten der Phar-

makotherapie bei Hochbetagten“, Frankfurt am

Main, 3.3.2026

Abb. 1

: Polymedikation kann zu uner-

wünschten Interaktionen führen.

©© Printemps / Fotolia.com

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Schmerzmedizin 2016; 32 (3)

Medizin aktuell

27. Deutscher Schmerz- und Palliativtag