Schmerz durch Schwermetalle und Stress?
Mit der stetigen Zunahme der Schwermetallbelastung im Körper steigt auch
der oxidative Stress. Folgen sind Entzündungsprozesse, die häufig mit
chronischen Schmerzen einhergehen. Der Nachweis und die Eliminierung
von Schwermetallen gestalten sich in der Praxis allerdings komplex.
D
ie Themen „Schwermetallbelastun-
gen und chronische Schmerzen“ so-
wie „Auswirkung von Psychotraumata
auf Immun- und Entzündungsprozesse“
standen im Mittelpunkt des Vortrags
von Dr. Günther Bittel, niedergelasser
Anästhesist und Schmerztherapeut aus
Duisburg. Die Belastung der Umwelt mit
Schwermetallen nimmt auf vielfältigem
Wege zu – seien es Bergbau, sich türmen-
de Abraumhalden, Müllverbrennungs-
anlagen oder Feinstaubbelastung durch
Straßenverkehr und Industrie. Eine der
Folgen ist die Zunahme von oxidativem
Stress durch die Blockade wesentlicher
Enzymsysteme durch Schwermetalle
mit der Folge schleichender Entzün-
dungsprozesse in unserem Körper. Die
klinischen Folgen hiervon sind vielfältig
(
Tab. 1
). Über derartige unspezifische
Beschwerden berichten uns auch Patien-
ten mit chronischen Schmerzen. Unter
der Vorstellung bisher unerkannter
Schwermetallbelastungen kann hier
eine weitergehende Diagnostik gerecht-
fertigt sein. Bittel verweist in diesem
Zusammenhang darauf, dass eine Un-
tersuchung derartiger Noxen im Serum
und Urin selten zielführend ist, sondern
es eines intrazellulären Monitorings be-
darf (EDTA-Blut). Diese Laborleistun-
gen können nicht zu Lasten der Gesetz-
lichen Krankenkassen erbracht werden.
In angeregter Diskussion wurde heraus-
gestellt, dass die „Entgiftung“ spezifi-
sches Wissen des Therapeuten erfordert
und folgendes Prinzip bedacht werden
muss: Die Ausscheidungsorgane (Leber,
Niere) müssen zunächst angeregt wer-
den; erst in einem zweiten Schritt soll
durch spezifische Substanzen wie DMPS
das entsprechende Schwermetall mobi-
lisiert und dazu parallel in einem dritten
Schritt die Wiederaufnahme in die Zelle
verhindert werden.
Stress als Schmerzauslöser
Von hohem Interesse waren für die zahl-
reichen Zuhörer Bittels Ausführungen
zum Zusammenhang von Stress und
Schmerz, wobei neben dem Verweis auf
die häufig durch Flashbacks charakteri-
sierte posttraumatische Belastungsstö-
rung eine chronische Stressbelastungs-
störung beschrieben wurde. Auch wenn
die traumatisierende Situation nur kur-
ze Zeit dauerte, läuft sie mit ihrer vege-
tativen und psychischen Qualität im
Hintergrund weiter. Erneute Stressreak-
tionen reaktivieren die primäre Situati-
on mit der Folge von Ängsten, Unruhe,
Schlafstörungen, Schwitzen, Schreck-
haftigkeit, Gereiztheit, vegetativen Stö-
rungen des Herzen und des Magen-
Darm-Traktes und vieles mehr. Ohne
Bewältigung oder Therapie ist der Über-
gang in einen Erschöpfungszustand,
Burn-out mit deletären Folgen auch auf
das Immunsystem zu befürchten. Stress
gilt heute allgemein als wesentlicher
Faktor in der Pathogenese chronischer
Schmerzen, weshalb auch imDeutschen
Schmerzfragebogen nicht nur Depres
sion und Angst (HADS), sondern auch
Stress (DASS) abgefragt wird.
Stress, verbunden mit der Aktivierung
der Hypothalamus-Hypophysen-Neben
nieren-Achse, ist Voraussetzung einer
adäquaten Reaktion auf Bedrohung. Je
länger Stressphasen andauern, desto
längere Erholungsphasen sind notwen-
dig. Bleiben diese Erholungsphasen aus,
geht der zirkadiane Rhythmus der Cor-
tisolproduktion verloren und führt in
eine adrenale Erschöpfung mit Absin-
ken der Serotonin- und DHEA-Spiegel.
Chronische Stressreaktionen führen zu
chronischen Entzündungsreaktionen –
der Teufelskreis beginnt. Dauerhaft er-
höhte Cortisolspiegel haben negativen
Einfluss auf unser Immun- und Lymph-
system. Dies ist auch die Grundlage für
chronische Multisystemerkrankungen
vom Typ „silent inflammation“, Dysbio-
sen oder „leaky gut“-Phänomen.
Bittel verweist in diesem Zusammen-
hang auf die Notwendigkeit der Stärkung
eigener Widerstandsfähigkeit (Resilenz)
sowie psychologischer Verfahren wie
Entspannungsverfahren oder Meditati-
on. Gleichsam gehören Physiotherapie
und Muskelaufbau sinnvoll in dieses
Konzept. Medikamente wie NSAID oder
Cortison können kurzfristig indiziert
sein. Bei oxidativem Stress gilt es radi-
kalreduzierende Mechanismen zu stär-
ken, was mit der Gabe von Vitamin-B-
Komplex, Folsäure, Taurin, Cholin/Ino-
sitol, Nachtkerzenöl, GotuKola (Indi-
scher Wassernabel), Johanniskraut,
L5-Hydroxy-Tryptophan oder L-Gluta-
thion gelingen kann. Täglicher 30-minü-
tiger Ausdauersport und die Reduktion
von Übergewicht können bei Patienten
mit chronischen Schmerzen vergleichbar
wirksam sein wie Antidepressiva.
Durch den Referenten wurde die Be-
deutung der Konzepte multimodaler
Schmerztherapie hervorgehoben, wenn-
gleich in den etablierten Programmen
die spezifischen pharmakologischen
Überlegungen zur Reduktion von oxida-
tivem Stress und die mögliche Bedeu-
tung von Schwermetallwirkungen (bis-
her) keine Rolle spielen.
Dr. Eberhard A. Lux
Lunch-Seminar „Ganzheitliche Schmerzthera-
pie“, Frankfurt am Main, 3.3.2026
Die Veranstaltung wurde unterstützt durch
die Firma IMD Institut für Medizinisch Spezial
diagnostik Berlin.
Tab. 1: Symptome chronischer
Schwermetallbelastung
Polyneuropathie mit chronischen neuro
pathischen Schmerzen
Verschlimmerung von rheumatischen
Erkrankungen und Fibromyalgiesyndrom
Chronische Müdigkeit, Erschöpfung, Reizbar
keit, Depression
Ängstlichkeit und weitere ZNS-Symptome von
Konzentrationsstörungen bis zur Enzephalo
pathie
Schädigung der Blutbildung, von Leber, Niere,
Knochen und Hormondrüsen
Störung des Haarwachstums bis zum Haaraus
fall, Veränderung der Nägel, Haut und Zähne
Erbgutschäden, Teratogenität
Begünstigung oder Verursachung maligner
Erkrankungen
Schmerzmedizin 2016; 32 (3)
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