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Welche Analgetika bei neuropathischen

Schmerzen?

Zwischen klinischen Studien und dem praktischen Alltag klaffen oft große

Lücken. Während Metaanalysen eher von Opioiden abraten, geben die Leit­

linien gegensätzliche Empfehlungen. Sind solch abweichende Ergebnisse

möglicherweise die Folge fehlender Praxisnähe der Studien?

E

twa 15,5% aller Schmerzen sind in

ihrem Ursprung als neuropathisch

einzuordnen [1]. Bezüglich der optima-

len Therapie bei diesen Schmerzen

machte im vergangenen Jahr die Kom-

munikation einer in Lancet Neurology

publizierte Metaanalyse von sich reden

[2]. Auf Basis der Auswertung von 229

randomisierten, placebokontrollierten

Doppelblindstudien wurden von den

Autoren als orale oder topische Erstlini-

entherapie trizyklische Antidepressiva

(TCA), Serotonin-Noradrenalin-Wie-

deraufnahmehemer (SNRI) sowie Pre-

gabalin und Gabapentin empfohlen. Als

Zweitlinientherapie wurden Lidocain-

oder Capsaicin-Pflaster oder das schwa-

che Opioid Tramadol genannt, erst in

dritter Linie wurde eine „schwache

Empfehlung“ für starkwirksame Opio-

ide ausgesprochen.

Widerspruch durch falsche

Interpretation

Dies widerspricht nicht nur klinischer

Erfahrung, sondern auch der bekannten

S3-Leitlinie zur Langzeitanwendung

von Opioiden bei nicht tumorbedingten

Schmerzen (LONTS [3]), konstatierte

Privatdozent Dr. Michael Überall aus

Nürnberg. Seine Analyse der Original-

publikation ergab deutliche Schwächen

der Daten sowie deren fehlerhafte Inter-

pretation. Hinsichtlich der „number

needed to treat“ (NNT) für eine 50%-ige

Schmerzlinderung seien nämlich TCA

und starke sowie schwache Opioide mit

NNT zwischen drei und fünf den ande-

ren Substanzen mit NNT zwischen

sechs und acht mindestens ebenbürtig

oder sogar überlegen. Die positive Ein-

schätzung der Opioide bei neuropathi-

schen Schmerzen spiegele sich auch in

den Empfehlungen der LONTS-Leitlini-

en und den aktuellen DGN-Leitlinien

wider, sagte Überall. Dem widerspricht

wiederum eine Untersuchung, in der re-

tardiertes Tapentadol neuropathische

Schmerzen besser linderte als die Kom-

bination aus Oxycodon und Naloxon [4].

Fragen werfe diese letztere Untersu-

chung jedoch wegen ihres „alltagsfernen

Szenarios“ und hoher Abbruchraten von

über 50% auf, so der Schmerzmediziner.

Alltagsnahe Studien besonders

wichtig

Ein praxisgerechtes Studiendesign be-

stehe für Überall in einer offenen Thera-

pie unter realistischen Alltagsbedingun-

gen mit patientenrelevanten, gemesse-

nen Endpunkten und der Minimierung

externer Einflüsse. Eine solche Studie

müsse weiterhin eine Dosisfindung nach

individueller Befindlichkeit und eine

verblindete Endpunktanalyse aufweisen.

„Man kann heute aus dem Alltag durch-

aus Daten generieren, mit denen man

auch im Alltag arbeiten kann“, argu-

mentierte Überall.

In einer eigenen Studie hat er die

Wirksamkeit von Oxycodon/Naloxon

mit Tapentadol bei Patienten mit länger

bestehenden Rückenschmerzen neuro-

pathischer Genese verglichen [5]. Fast

alle Patienten waren mit WHO-Stufe-I-

Analgetika vorbehandelt. Über zwölf Be-

handlungswochen fand sich in beiden

Gruppen eine statistisch nicht signifi-

kant unterschiedliche deutliche Abnah-

me des Schmerzindex auf der visuellen

Analogskala (96,9% unter Oxycodon/

Naloxon vs. 61,6% unter Tapentadol).

Diese Medikamente „sind für uns als

Praktiker vergleichbar wirksam.“ Mit

dem Ausmaß der erzielten Schmerzlin-

derung nahm jedoch der Unterschied

der Response im zeitlichen Verlauf zu.

Während bei einer 30%-igen Abnahme

der Schmerzintensität kein Unterschied

zwischen den Behandlungsgruppen fest-

stellbar war, änderte sich dies mit zuneh-

mendem Ausmaß der Besserung: Eine

hochsignifikante Schmerzreduktion um

70% fand sich nach zwölf Wochen bei

etwa 15% der Patienten unter Tapenta-

dol, aber bei knapp 40% unter dem Opi-

oid. Das bedeute „je härter das Wirk-

samkeitskriterium für die analgetische

Wirkung ist, umso eher sehen wir einen

Unterschied in der Therapie“, erläuterte

Überall. Damit einher ging in beiden

Therapiegruppen eine Abnahme der als

rein neuropathisch definierten Schmer-

zen hin zu nozizeptiven Schmerzen und

dem „mixed pain“-Phänotyp.

Opioidantagonisten vorteilhaft für

anspruchsvolle Therapie

Ähnliche Vorteile wie hinsichtlich der

Schmerzintensität fand sich für Oxyco-

don/Naloxon in den Gruppen mit höhe-

rer Schmerzreduktion (um 70%) auch

für die Parameter Funktionalität und

Lebensqualität. Keinen Unterschied

zwischen beiden Medikamenten gab es

in puncto Verträglichkeit unter Alltags-

bedingungen. Erstaunlicherweise gab es

auch bei demOpioid-typischen Parame-

ter Stuhlverhalten/Darmfunktion keine

Differenzen, wie Überall hervorhob.

Ein zusammengesetzter Endpunkt

aus allen Wirksamkeits- und Verträg-

lichkeitsparametern wurde bei 4 von 10

Patienten unter Oxycodon/Naloxon und

von 2,5 von 10 Patienten unter Tapenta-

dol erreicht.

Überalls Fazit: Beide Medikamente

seien bei neuropathischen Schmerzen

gut wirksam und gut verträglich, aber

„sobald die Ansprüche an die Therapie

ein bisschen steigen, wir mehr analgeti-

sche Wirkung, mehr Verbesserung ha-

ben wollen, haben wir den deutlich

messbaren Vorteil mit dem Opioidago-

nisten.“

Dr. Andreas Häckel

Literatur

1. Erhebung der Techniker Krankenkasse

2. Finnerup NB et al. Lancet Neurol 2015; 14(2):

162–73

3. Häuser W et al. Deutsches Ärzteblatt 2014;

111(432):732–40

4. Baron R. et al. Pain Practice (2015): DOI

10.1111/papr.12308

5. Überall MA, Müller-Schwefe GHH. J Pain Re­

search 2016; submitted for publication

Symposium „Sinn und Unsinn von WHO-Stufe-

III-Analgetika bei chronischen neuropathischen

Schmerzen“, Frankfurt am Main, 4.3.2026

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Schmerzmedizin 2016; 32 (3)

Medizin aktuell

27. Deutscher Schmerz- und Palliativtag