Schmerzmedizin 6 / 2017

Neuropathischer Schmerz Bei Herpes zoster Schmerztherapie von Anfang an! Gürtelrose nicht ernst zu nehmen, ist ein Fehler. Das gilt auch und besonders für die Schmerztherapie: Sie gehört obligatorisch dazu. „D as heilt von selber!“ Diese Auf- fassung zur Gürtelrose (Herpes zoster) ist erstaunlicherweise nach wie vor verbreitet: „Zinksalbe drauf, das wird schon“. Doch es gibt jeden Grund, Herpes zos- ter ernst zu nehmen: Wenn Varizella- zoster-Viren nach jahre- bis jahrzehnte- langem „Winterschlaf“ in Neuronen und Satellitenzellen der Glia wieder er- wachen und in die kutanen Nervenseg- mente wandern, sind sie in der Lage, in befallenen Keratinozyten die angebore- ne Immunität zu unterdrücken und Apoptosemechanismen zu hemmen. Die gefürchtete postherpetische Neu- ralgie hat ihre Ursache offenbar in Hin- terhornatrophien und geht mit Zell-, Axon- und Myelinverlust in den betrof- fenen sensiblen Ganglien einher. Es gibt Hinweise auf subakute oder chronische Entzündungen. Und: Die Zahl exzitatorischer Nerven- fasern nimmt in Relation zu inhibitori- schen Fasern zu, berichten Professor Uwe Wollina und Privatdozent Jochen Machetanz aus Dresden in einem Fort- bildungsbeitrag für Springer Medizin [Hautarzt 2016;67(8):653–65]. Innerhalb von 72 Stunden reagieren All dies sind Gründe, möglichst unmit- telbar nach demAuftreten der typischen Bläschen mit der antiviralen Behand- lung zu beginnen, spätestens innerhalb von 72 Stunden. In erster Linie werden dazu Aciclovir oder Brivudin genutzt, bei schweren Fällen wird die intravenö- se Gabe nötig. Die topische Behandlung beschleu- nigt das Eintrocknen der Bläschen, min- dert den Juckreiz und beugt der sekun- dären bakteriellen Infektion vor. Diese erfordert unter Umständen eine gezielte Antibiose. „Was allzu häufig versäumt wird, ist eine ausreichende Schmerztherapie“, sagt Dr. Oliver Emrich, Allgemeinarzt am Schmerzzentrum Ludwigshafen. „Sie sollte frühzeitig eingeleitet werden“, empfiehlt der Vizepräsident der Deut- schen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. (DGS). Ältere Empfehlungen, dabei nach WHO-Schema vorzugehen, sind über- holt. „Der Schmerz wird von vornherein behandelt wie ein neuropathischer Schmerz“, betont Emrich. „Ich beginne mit einem trizyklischen Antidepressi- vum, etwa Amitryptilin.“ Anästhetika nutzen Lidocain- oder Polidocanol-haltige Sal- ben und Auflagen haben eine lokal anästhesierende Wirkung, die genutzt werden kann. Bei sehr starkem Erst- schmerz, vor allem bei Patienten über 60, beginnt Emrich dagegen sofort mit einer niedrig dosierten Dreierkombination aus Amitryptilin, Gabapentin oder Pre- gabalin und einemOpioid wie Tramadol oder Tilidin. „Damit bestehen die besten Chancen, einer Schmerzchronifizierung vorzubeugen.“ Über zwei bis vier Wochen muss bei einer akuten Zoster-Erkrankung mit signifikanten therapiepflichtigen Schmerzen gerechnet werden. Zuweilen beginnt der Schmerz schon vor den Effloreszenzen. Bestehen solche Schmer- zen länger als 90 Tage nach Einsetzen Patient mit Herpes zoster im Brustbereich ©© phadungsakphoto / stock.adobe.co DGS Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. 44 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=