Schmerzmedizin 6 / 2017

nicht das tumorbedingte Versterben der Patienten [35, 36, 37]. 75% der Urothel- karzinome wachsen oberflächlich und haben eine Rezidivneigung von 50 – 70%, wobei 20% dem Progress unterliegen und infiltrieren [38] ( Tab. 2 ). Auch hier manifestiert sich eindrück- lich das psychoonkologische Dilemma. Bei nahezu asymptomatischer („schmerz- freier“) Grunderkrankung und subjekti- vem Wohlbefinden sehen sich die Be- troffenen mit regelmäßigen endoskopi- schen Kontrolluntersuchungen, indika- tionsabhängigen langfristigen Lokalthe- rapien zur Senkung der Rezidivhäufig- keit sowie imExtremfall der Empfehlung zur Zystektomie mit Harnableitung konfrontiert ( Abb. 4 ). Fazit Ebenso für Patienten mit Urothelkarzi- nom bedarf es daher einer besonders vertrauensvollen uro-onkologischen Be- treuung, da sich ihnen der Zusammen- hang aus geringer Symptomatik und Be- drohlichkeit der Erkrankung oft nicht erschließt. Dafür ist es notwendig, dass die Behandelnden ihre eigene Vulnera- bilität und Sterblichkeit reflektieren. So kann bei prognostisch ungünstigen Krankheitsverläufen eine „unbewusste Allianz der Abwehr“ mit dem Patienten vermieden werden, die andererseits un- reflektiertes Therapieverhalten nach sich ziehen könnte [39, 40, 41, 42]. Eine ein- fühlsame und schlüssige Kommunikati- on zur Indikation der Harnblaseninstil- lation oder rechtzeitigen Zystektomie ist im Sinne der intendierten Selbstwirk- samkeit des Patienten für eine langfris- tig konstruktive Bewältigung zentral. Zusammenfassung Für beide Tumorerkrankungen stellt das medikamentöse Schmerzmanagement im Zusammenhang mit den operativen Eingriffen und den diagnostisch-endo- skopischen Maßnahmen (flexible Zysto- skopie, Harnblaseninstillation mittels Einmalkatheterismus) keine besondere Herausforderung in der urologischen Routine dar. Exemplarisch wird hier aber besonders deutlich, dass alters- und ge- schlechtsübergreifende urologische Tu- mordiagnosen weit mehr als organische Erkrankungen sind. Sie beeinflussen in hohemMaße die Integrität der Patienten. Deshalb sollte die psychoonkologische Begleitung im Therapiekonzept einen höheren Stellenwert erhalten. Im Dialog mit dem Patienten kann so dessen Vul- nerabilität anerkannt und seine Lebens- qualität ganzheitlich erhalten werden. Das implizite Risiko für Angsterkran- kungen und Depressionen sollten alle kennen, die an der Diagnostik und The- rapie beteiligt sind und sich gemeinsam auch für die psychische Genesung dieser Patienten engagieren. Dr. med. Peter Kirschner Facharzt für Urologie/ Palliativmedizin Mitglied der Berliner Krebsgesellschaft e. V. Urologische Gemeinschaftspraxis Dr. Peter Kirschner/ Roger Zillmann Garbátyplatz 1, 13187 Berlin Josephine Kirschner Abb. 4 : Patient mit Stomaversorgung nach Zystektomie mit Ileum Conduit ©© Dr. Kirschner Tab. 2: Schematische Übersicht über Diagnostik, Prognose und Therapie bei Blasentumoren [45] Klinische Bezeichnung Pathologische Einteilung Diagnostik Therapie Prognose Tumor mit niedri- gem Malignitäts- potenzial pTa Transurethrale Blasenresektion (TUR-B) TUR-B (Diagnos- tik = Therapie) gut, Rezidive in > 50% Cis Carcinoma in situ TUR-B, Zytologie (90% pathologisch) BCG-Instillation Mitomycin-Instillation behandelt: günstig > 90% tumorfreies 5-Jahresüberleben T1-Tumoren pT1 TUR-B TUR-B und BCG- Instillation oder Zystektomie mit frühzeitiger aggressiver Therapie günstig Muskelinvasive Tumoren ≥ pT2 TUR-B, eventuell Re-TUR-B Zystektomie ungünstig, mit aggressiver Therapie 50 – 70% tumorfrei- es 5-Jahresüberleben Abb. 3 : Ileum Conduit ©© Gasser T. Basiswissen der Urologie For tbildung Hoden- und Urothelkarzinom 32 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

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