Schmerzmedizin 6 / 2017

tralateralen Hoden eine Tumorerkran- kung zu entwickeln, zusätzliche Stresso- ren im Verarbeitungsprozess. Die extreme Belastung zeigt sich durch erhöhte Depressionsraten besonders bei den jüngeren Patienten. Sie weisen im Vergleich zur Normalbevölkerung au- ßerdem erhöhte Suizidraten auch lange nach Therapieende auf [20, 21]. Fazit Die Aufklärung und Anregung zur re- gelmäßigen Selbstuntersuchung sollte unter dem Aspekt der entfallenen Mus- terungsuntersuchungen bereits im Schulalter intensiviert werden. In der täglichen Praxis zeigt sich leider, dass nicht nur in der betroffenen Altersgrup- pe, sondern auch bei den Eltern bezüg- lich dieser Tumorerkrankung erhebliche Wissensdefizite bestehen. Nach der Dia- gnosestellung kann die Ausbreitungsdi- agnostik (CT) und Kryokonservierung von Sperma im Hinblick auf die psychi- sche Belastung schon vor der Hodenent- fernung hilfreich sein. Der Zeitverlust bis zur Orchiektomie ist dabei marginal; der Patient erhält so aber die Möglich- keit, sich aktiv mit seiner Erkrankung auseinanderzusetzen und sich Halt und Unterstützung im eigenen sozialen Um- feld zu suchen. So kann sich beim Pati- enten frühzeitig Akzeptanz gegenüber der Erkrankung entwickeln und lang- fristig ein konstruktiver Umgang mit dem Krebsleiden bezüglich Angst und psychosozialem Schmerz gestärkt wer- den („Der Hoden wurde mir genommen“ vs. „Es wird Zeit, dass der krebsbefalle- ne Hoden endlich entfernt wird“). Die Wahrscheinlichkeit einer Metas- tasierung nimmt nach den ersten zwei bis drei Jahren der Nachsorge massiv ab. Dennoch sollten regelmäßige Kontrollen über den üblichen Zeitraum von fünf Jahren hinaus durchgeführt werden, da vor allem dann therapieinduzierte Zweit- karzinome auftreten können. Auch un- ter diesemAspekt ist bei entsprechender Vulnerabilität frühzeitig eine psycholo- gische Unterstützung indiziert, um die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Erkrankung zu reduzieren [22]. Urothelkarzinom Das Urothelkarzinom ist der zweithäu- figste Tumor des Urogenitaltraktes und manifestiert sich meist in der Harnblase, seltener auch in den Harnleitern oder dem Hohlsystem der Nieren [23]. Höhe- res Lebensalter, jahrelanges Rauchen, häufiger Kontakt zu chemischen Stoffen (z. B. aromatische Amine, Azofarbstoffe), Medikamentenabusus und rezidivieren- de Harnblasenentzündungen begünsti- gen die Entstehung eines Urothelkarzi- noms [24, 25, 26, 27, 28, 29, 30]. Ab dem 25. Lebensjahr sind Männer häufiger als Frauen von der Erkrankung betroffen [31]. Leitsymptom ist die schmerzlose Mikro- oder Makrohämaturie. Zur Diagnose führt auch hier oft nur ein Zufallsbefund. Ebenso bedeutsam ist, dass Größe, Ausdehnung und vor allem Infiltrationstiefe des Tumors nicht mit dem Ausmaß und der Häufigkeit der Blutungen übereinstimmen muss. Diag- nostisch lassen sich im Urinsediment und der Urinzytologie Erythrozyten und häufig auch maligne Urothelzellen einfach nachweisen. In der Sonografie imponieren die Tumore überwiegend als Exophyten, die ins Blasenlumen hinein- ragen. Die Bestätigung des Befundes er- folgt durch die Zystoskopie ( Abb. 2 , [45]). Therapie Zur Diagnostik (Bestimmung Infiltrati- onstiefe und Malignitätsgrad) und unter therapeutischer Intention wird der Tu- mor transurethral reseziert. Entschei- dend für das (Über-)Leben des Patienten ist die Infiltrationstiefe (muskelinvasiv vs. nicht muskelinvasiv). Oberflächliche Tumoren metastasieren kaum; bei Infil- tration des Tumors in die Harnblasen- muskulatur nimmt die Wahrscheinlich- keit einer Metastasierung rapide zu, wo- durch die ungünstige Prognose be- stimmt wird. Nur bei rechtzeitiger Zys- tektomie besteht noch eine Chance auf Heilung [32, 33, 34] ( Abb. 3 , [45]). Syste- mische Therapien (platinbasierte Che- motherapie) einschließlich der neuen Therapiekonzepte stellen zwar Verbesse- rungen dar, verhindern aber letztlich Abb. 1 : Das biopsychosoziale Krankheitsmodell Bio Erkankung (Tumorart, Stadium) Komorbidität Sozial Familie/Freunde Arbeitsunfähigkeit Existenz Psycho Verzweiflung Ängste Hilflosigkeit Abb. 2 : Blasentumorstadien (TNM-System) ©© Gasser T. Basiswissen der Urologie ©© modifiziert nach Engel Schmerzmedizin 2017; 33 (6) 31

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=