Schmerzmedizin 6 / 2017

geringem diagnostischen Aufwand kann in der urologischen Routine der Tumorverdacht schnell verifiziert wer- den. Die Diagnostik wird durch eine Computertomografie (CT) zum Aus- schluss von Lymphknoten- und anderen Organmetastasen vervollständigt. Für den meist asymptomatischen und „schmerzfreien“ Patienten bedeutet die Verbalisierung des eher unerwarteten Krebsverdachtes enormen emotionalen Stress, raumgreifenden Erlebensschmerz sowie die massive Bedrohung der eige- nen Existenz und des bis dahin gelebten Lebens [7, 8]. Der Umgang mit diesem Stadium der Diagnosestellung ist für die meisten Patienten ein Schlüsselerlebnis und bedeutsam für ihre empathische und kompetente Begleitung während der gesamten Therapie sowie die an- schließende jahrelange Nachsorge. Therapie Der erste diagnostische und therapeuti- sche Schritt in der Behandlung des malig­ nen Keimzelltumors ist die inguinale Or- chiektomie. In Abhängigkeit des histolo- gischen Befundes (Seminom/Nichtsemi- nom) und des klinischen Stadiums kann die alleinige Überwachung des Patienten ausreichend sein. Anderenfalls schließen sich invasive Verfahren wie Radiatio, Chemotherapie oder retroperitoneale Lymphknotenentfernungen an. Bezüg- lich des diagnostischen und therapeuti- schen Algorithmus gibt es im Vergleich zu anderen onkologischen Erkrankungen klare Richtlinien und sehr gute Progno- sen zu Therapie- und Heilungserfolg [9]. Mit diesemWissen, über das die meist jungen Männer – zu diesem Zeitpunkt – nicht verfügen, besteht die Gefahr, dass der psychologische Aspekt der unbehan- delt tödlich verlaufenden Krebserkran- kung unterschätzt wird [10]. Mit dem Fokus auf das biopsychosoziale Krank- heitsmodell ( Abb. 1 , [44]) wird klar, dass der rein körperliche Schmerz hier nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Di- agnose Hodenkrebs ist besonders in die- ser Altersgruppe ein existenzbedrohen- des Erlebnis, das auch einen massiven Einschnitt in die Körperlichkeit und Ge- schlechtsidentität bedeutet. Panik, Ag- gression und Angst, gepaart mit Zeit- und Handlungsdruck bei der Entschei- dung zu belastenden Therapien und de- ren Nebenwirkungen beherrschen den Patienten ganzheitlich [11, 12]. Der „Heilbarkeitsgarantie“ stehen begründe- te Sorgen zu Fragen der Fertilität, Kos- ten der Spermakryokonservierung, Be- ziehungs- und Familienplanung sowie dem beruflichen Werdegang entgegen. Zusätzlich wird der Umgang mit kurz- und langfristigen Therapiefolgen wie Alopezie, Leukopenie, Fatigue und che- motherapieinduzierter Polyneuropathie als belastend empfunden. Durch die pla- tintherapieinduzierte sowie therapeuti- sche und diagnostische radiogene Toxi- zität (CT-Kontrollen) bestehen außer- dem erhöhte Zweitkarzinomrisiken [13, 14, 15, 16]. Auch deuten neuere Untersu- chungen zunehmend darauf hin, dass durch die Platintherapie kardiovaskulä- re und metabolische Erkrankungen in- duziert werden können. Dabei ist das Ri- siko eines kardiovaskulären Ereignisses bei den Betreffenden ab dem 50. Lebens- jahr unter bestimmten Voraussetzungen um das 30-fache erhöht [17, 18, 19]. Schließlich bedeuten die Notwendigkeit jahrelanger Nachsorge (Spätrelaps) und das permanente Risiko, auch am kon- Tab. 1: Prognosebasierte Stadien bei metastasierenden Keimzelltumoren (International Germ Cell Cancer Collaborative Group [43])* Gruppe mit guter Prognose Nichtseminom (56% aller Fälle) 5-Jahres-Progressionsfreies Überleben (PFS) 89% Alle der folgenden Kriterien: — — primäre retroperitoneal/Testis-Tumoren — — keine nicht pulmonalen viszeralen Metastasen 5-Jahres-Gesamtüberleben (OS) 92% Metastasen — — Alpha-Fetoprotein (AFP) < 1.000 ng/mL — — Humanes Choriongonadotrophin (hCG) < 5.000 IU/L (1.000 ng/mL) — — Laktat-Dehydrogenase (LDH) < 1,5 × ULN Seminom (90% aller Fälle) 5-Jahres-PFS 82% 5-Jahres-OS 86% Alle der folgenden Kriterien: — — jedweder Primärtumor — — keine nicht pulmonalen viszeralen Metastasen — — normales AFP — — jedwede HCG-Spiegel — — jedwede LDH-Spiegel Gruppe mit intermediärer Prognose Nichtseminom (28% aller Fälle) 5-Jahres-PFS 75% 5-Jahres-OS 80% Alle der folgenden Kriterien. — — primäre retroperitoneal/Testis-Tumoren — — keine nicht pulmonalen viszeralen Metastasen — — AFP 1.000– 10.000 ng/mL oder — — HCG 5.000 – 50.000 IU/L oder — — LDH 1,5– 10 × ULN Seminom (10% aller Fälle) 5-Jahres-PFS 67% 5-Jahres-OS 72% Alle der folgenden Kriterien: — — primäre retroperitoneal/Testis-Tumoren — — keine nicht pulmonalen viszeralen Metastasen — — normaler AFP-Spiegel — — jedwede HCG-Spiegel — — jedwede LDH-Spiegel Gruppe mit schlechter Prognose Nichtseminom (16% aller Fälle) 5-Jahres-PFS 41% 5-Jahres-OS 48% Alle der folgenden Kriterien: — — primäre retroperitoneal/Testis-Tumoren — — keine nicht pulmonalen viszeralen Metastasen — — AFP > 10.000 ng/mL oder — — HCG > 50.000 IU/L (10.000 ng/mL) oder — — LDH > 10 × ULN *Serum Tumormarker sollten unmittelbar vor dem Beginn der Chemotherapie (am gleichen Tag) bestimmt werden. For tbildung Hoden- und Urothelkarzinom 30 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

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