Schmerzmedizin 6 / 2017

Hoden- und Urothelkarzinom Wie tief sitzt der Schmerz? Peter Kirschner, Josephine Kirschner, Berlin Eine ganzheitliche Therapie ist nicht nur in der Therapie von Schmerz- syndromen indiziert. Auch in der Uroonkologie sollten die Aspekte des Schmerzerlebens nicht vernachlässigt werden. B eimHoden- und Urothelkarzinom handelt es sich meist um „Überra- schungsdiagnosen“ für Patient und Arzt. Beide Erkrankungen sind im frühen Stadium relativ schmerz- und symptomarm, bedürfen jedoch ein- schneidender therapeutischer Maßnah- men. Diese stellen sowohl für den be- troffenen Patienten als auch für das me- dizinische Personal vor allem eine starke psychische Belastung dar. Aus tumor- biologischer Sicht erfordern beide Er- krankungen zeitnahes Handeln. Vor diesem Hintergrund wird leider häufig die allumfassende Sicht auf das Schmerz- geschehen – insbesondere den Erlebens- schmerz – vernachlässigt. Hodenkarzinom Der Hodentumor ist die häufigste mali- gne Erkrankung des jungen Mannes mit einem Erkrankungsgipfel zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr [1]. Bekannte Ri- sikofaktoren sind der bis zum zweiten Lebensjahr nicht korrigierte Kryptor- chismus, eine bestehende Subfertilität sowie der längere Einsatz von Muskel- aufbaupräpaten und Marihuana [2, 3, 4, 5]. Das Leitsymptom ist die schmerzlose Schwellung und/oder Verhärtung des betroffenen Hodens. Die Diagnose kann durch Selbstuntersuchung einfach ge- stellt werden. In der Realität wird dieses frühe Stadium von den betroffenen Männern aber häufig ignoriert oder ver- drängt. Häufig machen sich fortge- schrittene Stadien erst lokal durch schmerzhafte Tumoreinblutungen und -nekrosen bemerkbar. Diese müssen ih- rerseits differenzialdiagnostisch von akut entzündlichen Erkrankungen des äußeren Genitales abgegrenzt werden. Außerdem können Bauch- und Rücken- schmerzen (retroperitoneale Lymph- knotenmetastasen) oder aber auch bron- chopulmonale Symptome (Lungenmeta- stasen) bei jungen Männern erste und einzig geäußerte Symptome eines bereits metastasierten Keimzelltumors sein. Das ist besonders fatal, da der rechtzei- tig diagnostizierte Hodentumor fast im- mer heilbar ist ( Tab. 1 ) [6]. Diagnostik Die Diagnosestellung erfolgt durch eine körperliche Untersuchung und eine Ho- densonografie. Zur Komplettierung werden die Tumormarker Alpha-Feto- protein (AFP), Humanes Choriongona- dotropin (ß-HCG) und Laktase-Dehyd- rogenase (LDH) bestimmt. Mit relativ Etwa ein Drittel aller onkologischer Erkrankungen ist urologischen Ursprungs. ©© Springer Medizin Verlag GmbH Schmerzmedizin 2017; 33 (6) 29

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