Schmerzmedizin 6 / 2017

Hochpreisige Krebsmedikamente verbessern in weniger als 3% Lebensqualität und Lebenslänge Eine Londoner Forschergruppe hat nun erstmals die Langzeiterfolge neu zugelassener Krebsbehandlungen untersucht und kommt zu erschreckenden Ergebnissen. V on den 68 geprüften Behandlungen wurden 61 (90%) ausschließlich in „palliativer Indikation“ eingesetzt – sprich eine Heilungsaussicht gab es weit- gehend nicht. Krebsbetroffene in fortge- schrittenen Krankheitsstadien wün- schen sich vor allem Erhalt oder Verbes- serung der Lebensqualität. Dies wurde aber bei keiner der 68 geprüften Subs- tanzen als primärer Endpunkt unter- sucht. Selbst als Nebeneffekt konnten le- diglich Teilverbesserungen der Lebens- qualität bei sieben (10%) der Substanzen gezeigt werden. So führte etwa die Bes- serung der Atemnot, nicht aber des Schmerzes zur Zulassung eines Krebs- wirkstoffes. In der Nachbeobachtungsperiode von im Schnitt 5,4 Jahren zeigten nur zwei Substanzen (2,9%) eine Lebenszeitver- längerung bei verbesserter Lebensquali- tät. Während bei Zulassung 44 Substan- zen eine Lebenszeitverlängerung beleg- ten, waren es nach der langen Nachbe- obachtung schließlich nur 26. Dabei lag die Verlängerung der Lebenszeit im Schnitt bei 2,7 Monaten. Letztlich wur- de die Lebenszeitverlängerung von den Wissenschaftlern nur bei elf Indikatio- nen (16,2%) als relevant eingestuft. Fazit: Wenn teure Medikamente ohne klinisch sinnvolle Leistungen zugelas- sen und in Gesundheitssystemen be- zahlt werden, können einzelne Patienten geschädigt, wichtige Ressourcen ver- schwendet und die Bereitstellung von ge- rechter und erschwinglicher Gesund- heitsvorsorge untergraben werden. Es ist komplett unverständlich, dass Onkolo- gen solche Substanzen verschreiben und Krankenkassen sie erstatten. Es drängt sich doch die Frage auf, ob Patienten hier wahrheitsgemäß aufgeklärt werden. Dr. Matthias Thöns Davis C et al. Availability of evidence of benefits on overall survival and quality of life of cancer drugs approved by European Medicines Agency: retrospective cohort study of drug approvals 2009-13. BMJ 2017;359:j4530 Retard-Tramadol für die medikamentengestützte Opiatentgiftung Der zunehmende Opioidmissbrauch in den USA hat die Suche nach neuen Optionen für die medikamentengestützte Entgiftung angekurbelt. Ein Kandidat ist Retard-Tramadol, das jetzt in einer Vergleichsstudie gegen Buprenorphin und Clonidin getestet wurde. B uprenorphin und Clonidin gehören zu den entzugssymptomlindernden Standardmedikamenten bei einer kont- rollierten Opioidentgiftung. Clonidin hat ein niedriges Missbrauchspotenzial, muss aber mehrfach täglich genommen werden und ist nicht so stark wirksam wie das mit einem sehr viel höheren Missbrauchspotenzial behaftete Bu- prenorphin. Alternativ bietet sich Re- tard-Tramadol an, für das bereits gute Erfahrungen in der kontrollierten Opi- oidentgiftung vorliegen. Eine randomi- sierte, kontrollierte Studie in einer stati- onären US-amerikanischen Entzugsein- richtung sollte den Stellenwert dieses schwach bis mäßig starken Opioidago- nisten eruieren. Einbezogen waren 103 Patienten mit Opioidabhängigkeit, die zunächst über 7–10 Tage mit Morphin stabilisiert wur- den. In der anschließenden siebentägi- gen Reduktionsphase erhielten die Pati- enten dann im Double-Dummy-Design Clonidin (n = 36), Retard-Tramadol (n = 36) oder Buprenorphin (n = 31) und danach einheitlich doppelblind eine Pla- cebomedikation. Zielkriterien waren die Haltekraft, die Stärke der Entzugssym­ ptomatik, der Verbrauch an zusätzlichen Bedarfsmedikamenten und die Rate der Patienten, die sich anschließend für eine Naltrexon-Unterstützung in der Ent- wöhnungsbehandlung entschieden. Am Ende der Ausschleichphase unter- schieden sich die Haltekraftraten der Pa- tienten unter Buprenorphin und Cloni- din signifikant (90,3% vs. 61,6%), die Rate unter Tramadol lag mit 72,2% im Mittelfeld – ohne statistisch signifikante Differenzen zu den beiden anderen The- rapiegruppen (χ 2 = 8,5, p = 0,01). Die Wirksamkeit von Tramadol und Bu- prenorphin auf die Entzugssymptoma- tik während der siebentägigen Reduk­ tionsphase war statisch vergleichbar und besser als die von Clonidin. Nach Ab- schluss der Reduktionsphase waren die Entzugserscheinungen der Patienten der Tramadolgruppe weniger stark als bei den Patienten der Buprenorphin-Grup- pe. Entsprechend höher war auch der Verbrauch an zusätzlicher Bedarfsmedi- kation in der Buprenorphin-Gruppe im Vergleich zur Tramadol- und Clonidin- gruppe. Bei der Aufnahme einer (frei- willigen) Naltrexon-Therapie ergaben sich keine Unterschiede. Fazit: In der stationären medikamenten- gestützen Opioidentgiftung reduziert einmal täglich gegebenes Retard-Trama- dol die Entzugssymptomatik vergleich- bar stark wie Buprenorphin und besser als Clonidin. Durch das geringere Miss- brauchspotenzial ist Tramadol damit möglicherweise eine gute Alternative zu Buprenorphin in diesem Setting. Dr. Barbara Kreutzkamp Dunn KE et al. Efficacy of tramadol extended-re- lease for opioid withdrawal. A randomized clini- cal trial. JAMA Psychiatry 2017;74:885–93 Literatur kompakt  28 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

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