Schmerzmedizin 6 / 2017

(Mental Component Summary des SF-36v2-Health-Survey nach drei Mona- ten p = 0,87; nach vier Monaten p = 0,60). Fazit: Eine frühe palliative Betreuung sei in der Betreuung von Patienten mit fort- geschrittener Krebserkrankung als Stan- dard zu empfehlen, so die Forscher. Sie könne offenbar auch bei den pflegenden Angehörigen eine größere Zufriedenheit auslösen. Ob sich darüber hinaus die Le- bensqualität der Angehörigen verbes- sern lasse, bleibe nach dieser Studie zu- nächst offen. Kathrin von Kieseritzky McDonald J et al. Impact of early palliative care on caregivers of patients with advanced cancer: cluster randomised trial. Ann Oncol 2017;28(1): 163–8 Kommentar: Die frühzeitige Integration von Palliativ­ medizin in die Versorgung onkologischer Patienten ist seit der aufsehenerregenden Publikation von Jennifer Temel und Kollegen im Jahr 2010 [Temel JS et al. N Engl J Med 2010;363(8):733-42] sowohl in onkologischen als auch palliativmedizinischen Fachkreisen ein intensiv diskutiertes Thema. Eine zentra­ le Frage dabei ist, wie „früh“ im Verlauf einer Krebserkrankung wirklich „rechtzeitig“ für die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Patienten und ihrer Angehörigen ist. Seit 2010 sind zahlreiche weitere randomi­ sierte Studien publiziert worden, in denen sich positive Effekte auf die Lebensqualität, Depressivität, Zeit zwischen letzter Chemo­ therapie und Versterben, Zahl an Chemo­ therapien und Notaufnahmen in der letzten Lebensphase, Häufigkeit einer hospizlichen Versorgung sowie das Krankheitsverständ­ nis durch eine frühzeitige palliativmedizini­ sche Mitbetreuung zeigten [Gärtner J et al. Onkologe 2015; 21(12):1182–8]. Im vergangenen Jahr wurden in einer Me­ taanalyse alle bis dahin publizierten rando­ misierten Studien gemeinsam analysiert. Darin ließen sich die positiven Effekte einer frühen Palliativversorgung auf die Lebens­ qualität und die Symptomlast der Patienten bestätigen, während sich andere Effekte und insbesondere Auswirkungen auf die Angehörigen als inkonsistent erwiesen [Kavalieratos D et al. JAMA 2016;316(20): 2104-14]. Letzteres ist auch darin begründet, dass Auswirkungen auf Angehörige meist in Subgruppenanalysen oder als sekundäre Studienziele durchgeführt wurden. Zudem gilt es zu beachten, dass alle diese Studien ein heterogenes Design aufweisen und unterschiedliche Formen der integrierten Palliativversorgung, zu unterschiedlichen Zeitpunktenmit unterschiedlichen palliativ­ medizinischen Angeboten bei unterschied­ lichen Patientengruppen untersucht wur­ den. Während die erste Arbeit von Jennifer Temel und Kollegen ausschließlich Lungen­ karzinompatienten umfasste, wurden in denmeisten anderen Studien Patientenmit verschiedenen unheilbaren Erkrankungen gemeinsam evaluiert. Hier liegen uns nun zwei weitere randomi­ sierte Studien zu diesem Themenkomplex vor. Die Arbeitsgruppe um Jennifer Temel veröffentlichte eine randomisierte Studie, die imWesentlichen eine Fortsetzung ihrer primären Studie darstellt, diesmal aber ne­ ben Lungenkarzinompatienten auch Pati­ enten mit gastrointestinalen Tumoren auf­ nahmen. Hierbei wird deutlich, dass die Ef­ fekte einer einheitlichen Intervention bei Patienten mit verschiedenen Tumorentitä­ ten verschiedene Auswirkungen haben. Dies zeigt, dass Patienten mit verschiede­ nen Tumorerkrankungen – und damit zu erwartenden unterschiedlichen Krankheits­ verläufen – unterschiedliche Anforderung an eine frühzeitige palliativmedizinische Mitbetreuung stellen. Daher sollten Ange­ bote zukünftig entsprechend adaptiert werden, um den krankheitsspezifischen und individuellen Bedürfnissen der Patien­ ten adäquat begegnen zu können. Julie Clare McDonald und Kollegen unter­ suchten in ihrer Studie explizit Auswirkun­ gen auf die Angehörigen. Sie konnten das bestätigen, was frühere Studienergebnisse bereits andeuteten, nämlich dass eine Verbesserung der Zufriedenheit der Ange­ hörigen mit der Versorgung der Patienten erreicht werden kann, aber keine direkte Verbesserung der Lebensqualität der An­ gehörigen. Die Gründe dafür sind wahr­ scheinlich vielfältig, aber ein entscheiden­ der Faktor ist aus meiner Sicht, dass sich auch hier die Intervention, also die pallia­ tivmedizinische Mitbetreuung primär auf den Patienten bezog und keine zusätzli­ chen Unterstützungsangebote für die An­ gehörigen umfasste. Ein weiterer Aspekt, der auch in anderen Studien erwogen wurde, ist, dass Angehö­ rige in der Phase der Erkrankung dazu nei­ gen, auch selbst ihren Blick vor allem auf das Befinden des Patienten zu legen und ihre eigenen Bedürfnisse und ihre Lebens­ qualität unterordnen. Möglicherweise könnten zukünftige Studien, in denen entsprechend den Grundprinzipien der Palliativmedizin auch die Bedürfnisse der Angehörigen mit in den Fokus genommen und entsprechende Angebote für die Ange­ hörigen mit in den Interventionsarm aufge­ nommen werden, auch positive Effekte auf die Angehörigen selbst aufzeigen. Trotz dieser noch immer vielen offenen Fragen konnten in der S3-Leitlinie „Palliativ­ medizin für Patienten mit einer nicht heil­ baren Krebserkrankung“ [Version 1.0 – Mai 2015. AWMF-Registernummer: 128/001OL] basierend auf Expertenkonsens explizite Empfehlungen zur Integration von Palliativ­ medizin in die Versorgung von onkologi­ schen Patienten ausgesprochen werden. So wird empfohlen, dass alle Patienten mit ei­ ner Krebserkrankung unabhängig vom Krankheitsstadium Zugang zu Informatio­ nen über Palliativversorgung haben sollen (Kapitel 11.1.) und allen Patienten nach der Diagnose einer nicht heilbaren Krebser­ krankung Palliativversorgung angeboten werden soll, unabhängig davon, ob eine tumorspezifische Therapie durchgeführt wird (Kapitel 11.2.). Prof. Dr. Karin Oechsle 2. Medizinische Klinik, Onkologisches Zentrum Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf k.oechsle@uke.de „Patienten mit verschiedenen Tumorentitäten stellen unter- schiedliche Anforderungen an eine frühe palliative Mitbetreuung.“ ©© STUDIOLINE Fotostudio Hamburg Eimsbüttel Mehr zur frühen Palliativbetreuung Lesen Sie online weiter zum Thema frühe Integration der spezialisierten Palliativmedizin bei Patienten mit Krebs­ erkrankungen in der Übersicht von Jan Gärtner, Freiburg, und Kollegen: https://www.springermedizin.de/fruehzeitige-spezialisierte-palliati vme­ dizinische-mitbehandlung/8665830 Schmerzmedizin 2017; 33 (6) 27

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