Schmerzmedizin 6 / 2017

Palliative Betreuung so früh wie möglich In zwei aktuellen Studien wurde die Wirkung einer palliativen Betreuung von Patienten mit terminaler Krebserkrankungen untersucht: US-amerikanische Forscher fanden heraus, dass die frühzeitige Palliation die Lebensqualität der Betroffenen positiv beeinflusst. Eine kanadische Untersuchung konnte außerdem eine positive Auswirkung auf die Zufriedenheit der pflegenden Angehörigen belegen. Unheilbare Patienten frühzeitig palliativmedizinisch mitbetreuen Es mehren sich Hinweise, dass Patienten mit terminaler Krebserkrankung ein früher Kontakt mit einem Palliativ­ mediziner bei der Bewältigung ihrer Krankheitslast und den Fragen des be­ vorstehenden Todes helfen kann. US- amerikanische Kollegen haben deshalb eine palliativmedizinische Betreuung in die ambulante Behandlung ihrer Patien­ ten integriert und die Effekte untersucht. In ihre Studie nahmen sie Patienten mit frisch diagnostiziertem und unheilba­ rem Lungenkrebs oder gastrointestina­ lem Karzinom auf. Die Patienten wurden in zwei Grup­ pen randomisiert. Sie erhielten zwischen Mai 2011 und Juli 2015 entweder eine früh in die ambulante onkologische Be­ handlung integrierte Pallativbetreuung (n = 175) oder lediglich die onkologische Behandlung (n = 175). Die Patienten der Interventionsgruppe trafen sich bis zu ihrem Tod mindestens einmal pro Mo­ nat mit einem Palliativmediziner. Die Patienten der Kontrollgruppe konnten einen Palliativmediziner auf Anfrage konsultieren. Primärer Endpunkt war die Veränderung der Lebensqualität zwischen Ausgangssituation undWoche 12, bestimmt wurde diese durch die FACT-G(„Functional Assessment of Cancer Therapy-General“)-Skala. Se­ kundäre Endpunkte waren die Verände­ rung der Lebensqualität bis Woche 24, die Veränderung des Depressionsscores (ermittelt durch den Patient Health Questionnaire-9) sowie Unterschiede in der Kommunikation über das Lebensen­ de. Patienten aus der Interventionsgrup­ pe berichteten über eine stärkere Verbes­ serung der Lebensqualität bis Woche 24 als die Patienten der Kontrollgruppe (1,59 vs. -3,4; p = 0,010), aber nicht bis Woche 12 (0,39 vs. -1,13; p = 0,339). Auch waren die Depressionslevel der Interven­ tionspatienten in der 24. Woche niedri­ ger als zu Studienbeginn (der adjustierte mittlere Unterschied betrug -1,17; p = 0,048). Interventionspatienten be­ sprachen zudem häufiger ihre Wünsche für das Lebensende mit ihrem Onkolo­ gen als Patienten der Kontrollgruppe (30,2 vs. 14,5%; p = 0,004). Die Wirksamkeit der Intervention hing allerdings vom Krebstyp ab. So be­ richteten Interventionspatienten mit Lungenkrebs von Verbesserungen der Lebensqualität und Depression zu den Zeitpunkten 12 und 24 Wochen, wäh­ rend die Lungenkrebspatienten der Kon­ trollgruppe von einer Verschlechterung berichteten. Patienten mit gastrointesti­ nalen Tumoren in beiden Studiengrup­ pen beschrieben dagegen Verbesserun­ gen der Lebensqualität und Stimmung nur bis Woche 12. Fazit: Bei Patienten mit frisch diagnos­ tizierten und unheilbaren Tumoren kann eine frühe, integrierte Palliativme­ dizin die Lebensqualität und andere we­ sentliche Faktoren wie den Depressions­ status verbessern. Dabei hängen die Ef­ fekte allerdings vom Krebstyp ab. Christina Berndt Temel JS et al. Effects of early integrated palliative care in patients with lung and GI cancer: a randomized clinical trial. J Clin Oncol 2017;35(8):834–41 Frühe palliative Betreuung auch für Angehörige gut? Die Betreuung eines krebskranken An­ gehörigen im fortgeschrittenen Stadium ist eine große Herausforderung, weshalb die Betroffenen oftmals von Informa­ tions- und Hilfsangeboten profitieren können. Doch ob ihnen – so wie den Pa­ tienten selbst – eine frühzeitige palliati­ ve Betreuung helfen kann, war bislang weitgehend unerforscht. In der aktuellen Studie erhielten Pati­ enten mit fortgeschrittener Krebserkran­ kung (Tumorstadium III oder IV; Schät­ zung der verbleibenden Lebenszeit 6–24 Monate; ECOG[Eastern Cooperative Oncology Group]-Performancestatus 0–2), die in 24 onkologischen Kliniken gemeldet waren, randomisiert eine frühe palliative Betreuung oder eine Standard­ betreuung mit palliativer Betreuung bei Bedarf. Die pflegenden Angehörigen wurden zu Beginn und einmal monat­ lich über vier Monate zu ihrer Zufrieden­ heit mit der Betreuung sowie zu ihrer Le­ bensqualität befragt. 182 pflegende An­ gehörige (94 aus der palliativen Gruppe, 88 aus der Kontrollgruppe) beantwortet­ en die Fragebögen zu Beginn, 151 (77 und 74) füllten sie mindestens einmal in den Folgebefragungen aus. Die pflegen­ den Angehörigen waren zumeist Frauen. Sie verbrachten im Durchschnitt drei Stunden pro Tag mit der Pflege. Zu Be­ ginn gab es zwischen den pflegenden An­ gehörigen der beiden Gruppen keine substanziellen Unterschiede bezüglich der Zufriedenheit mit der Betreuung (FAMCARE-19), gesundheitlicher und funktioneller Aspekte (SF-36v2) oder der Lebensqualität (CQoL-C). In der Interventionsgruppe hatte sich die Zufriedenheit mit der Betreuung aber im Vergleich zur Kontrollgruppe nach drei Monaten (p = 0,007) und nach vier Monaten (p = 0,02) verbessert. Die Fak­ toren, die für die Verbesserungen haupt­ sächlich eine Rolle spielten, waren: Die Gründlichkeit, mit der die Ärzte die Symptome des Patienten untersuchten (p = 0,004), die Verfügbarkeit von profes­ sionellen Pflegenden für die Familie (p = 0,01), die Weitergabe von Informati­ onen über den Zustand des Patienten (p = 0,02) und Überweisungen zu ande­ ren Spezialisten (p = 0,02). Keine signifi­ kanten Verbesserungen gab es hinsicht­ lich der Lebensqualität der pflegenden Angehörigen (nach drei Monaten p = 0,92; nach 4 Monaten p = 0,51), ihrer physischen Befindlichkeit (Physical Component Summary des SF-36v2- Health-Survey nach drei Monaten p = 0,83; nach vier Monaten p = 0,20) oder ihrer mentalen Befindlichkeit Literatur kompakt  26 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

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