Schmerzmedizin 6 / 2017

Vorsicht mit hohen Opioiddosierungen bei Nichttumorschmerzen Bei Patienten, die wegen Nichttumorschmerzen langfristig mit Opioiden be- handelt werden, wird in Deutschland nicht selten die in der Leitlinie empfoh- lene Obergrenze für Morphin überschritten – mit nachteiligen Folgen. L aut der S3-Leitlinie zur Langzeitan- wendung von Opioiden bei nicht tu- morbedingten Schmerzen (LONTS) soll eine Dosis von 120 mg/d oralem Mor- phinäquivalent (MEQ) nur in Ausnah- mefällen – und nur nach Überprüfung der Indiziertheit und von Alternativen – überschritten werden. Basis für diese Konsensusempfehlung waren Kohorten- studien aus den USA, die auf eine Zu- nahme von Komplikationen bei höheren Tagesdosen hinwiesen. Solche Höherdo- sierungen und damit assoziierte uner- wünschte Effekte sind jedoch kein USA- spezifisches Problem. Wie Schmerz­ experten um Winfried Häuser von der Universität Saarbrücken anhand von GKV-Daten festgestellt haben, wird in Deutschland bei jedem zehnten LONTS- Patienten die Tagesdosis von 120 mg MEQ überschritten. Damit verbunden ist ein erhöhtes Risiko für riskante Ver- ordnungen und für Substanzmissbrauch. Häuser et al. haben eine repräsentative Literatur kompakt  24 Schmerzmedizin 2017; 33 (6) Kaffee als Koanalgetikum bei Opioidtherapie? Patienten mit Fibromyalgie, die chronische Schmerzen haben und dagegen Opioide erhalten, verstärken möglicherweise den analgetischen Effekt durch Kaffeetrinken. Erste Hinweise darauf liefern jetzt die Ergebnisse einer Studie US-amerikanischer Rheumatologen. K offein als Koanalgetikum wird etwa zur Selbstmedikation bei Migräne sowie beim Kopfschmerz vom Span- nungstyp von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft empfoh- len, und zwar in Kombination mit Acetylsalicylsäure und Paracetamol. Die Ärzte um Dr. J. Ryan Scott von der Uni- versität Michigan stellten nun für ihre Studie zum einen die Hypothese auf, dass Koffein einen intrinsischen analge- tischen Effekt hat. Sie stützen sich dabei auf Angaben von Patienten, die regelmä- ßig Kaffee trinken. Die zweiteThese war, dass Koffein auch bei Patienten, die Opi- oide einnehmen, einen koanalgetischen Effekt hat. Für ihre Querschnittsstudie wählten die Rheumatologen Fibromyal- giepatienten mit chronischen Schmer- zen aus. Von insgesamt 972 Studienteilneh- mern standen die Ergebnisse unter an- derem aus Befragungen zum Kaffeekon- sum und zum Opioidgebrauch zur Ver- fügung. 67% der Patienten waren Frau- en. 568 Patienten (59%) hatten ange geben, Opioide täglich oder nach Bedarf zu nutzen. Der Anteil der Studienteil- nehmer mit beziehungsweise ohne Opi- oidtherapie, die regelmäßig Kaffee tran- ken, betrug 81% beziehungsweise 80%. In den Gruppen mit und ohne Opioid- therapie unterschied sich der Anteil je- ner Patienten, die zur Schmerzlinderung außerdemAcetylsalicylsäure, Ibuprofen und/oder Paracetamol einnahmen, nicht wesentlich (49% bzw. 51%). Aus den Ergebnissen der Studie geht hervor, dass Patienten mit Opioidthera- pie, die regelmäßig Kaffee trinken, eige- nen Angaben zufolge weniger starke Schmerzen haben. Außerdem gaben sie an, dass ihre Schmerzen den Alltag we- niger beeinflussten und sie die Schmer- zen weniger überbewerteten als Patien- ten mit Opioidtherapie, aber ohne Kaf- feekonsum. Zudem litten die Kaffeetrin- ker seltener unter Depressionen. Wie Scott und seine Kollegen berichten, konnten sie zudem einen dosisabhängi- gen Effekt beobachten. Allgemein be- trachtet linderte ein geringer bis mode- rater täglicher Konsum (weniger als eine Tasse bis maximal 2,5 Tassen) unter an- derem die Schmerzsymptome, hoher Konsum (mehr als drei bis zwölf Tassen) dagegen nicht.Die Rheumatologen wei- sen einschränkend darauf hin, dass sich aufgrund des Studiendesigns kein kau- saler Zusammenhang zwischen Kaffee- konsum zusätzlich zur Opioidtherapie und Schmerzlinderung ableiten lässt. Außerdem sei mit einer Verzerrung der Ergebnisse zu rechnen, weil die Patien- ten möglicherweise zu geringe Angaben über den tatsächlichen Schmerzmittel- gebrauch gemacht hätten. Schließlich fehlten exakte Informationen zur aufge- nommenen Koffein- und Opioidmenge. Fazit: Regelmäßiger Kaffeekonsum könnte bei Patienten unter Opioidthera- pie die Schmerzen reduzieren. Der ge- naue Wirkmechanismus von Koffein auf die Schmerzwahrnehmung ist jedoch komplex und noch nicht im Einzelnen verstanden. Bekannt ist, dass es die Re- zeptoren für Adenosin hemmt, das an der Schmerzentstehung und -modulati- on beteiligt ist. Peter Leiner Scott JR et al. Caffeine as an opioid analgesic adjuvant in fibromyalgia. J Pain Res 2017; 10:1801–9 Patienten mit Opioidtherapie, die regel- mäßig Kaffee tranken, gaben weniger Schmerzen an. ©© Reinhard Marscha – Fotolia

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