Schmerzmedizin 6 / 2017

ab, ist der Rückenschmerz meist hartnä­ ckig, konservativ eher nicht mit Erfolg zu behandeln und sollte mit zentral wirksamen Medikamenten, wie Anti­ epileptika, behandelt werden. Pragmatische Annäherung Wie also soll die Annäherung an das Symptom Rückenschmerz beim indivi­ duellen Patienten mit Kreuzscherz und/ oder Beinbeschwerden mit Funktions­ einschränkung erfolgen? Dazu verwies Casser auf die Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz. Sie verfolge drei Ziele: 1. Die Früherkennung bedrohlicher Ur­ sachen (‚red flags’) und psychosozialer Problematiken (‚yellow flags’) durch frühzeitiges anamnestisches und kli­ nisches Screening. 2. Die Vermeidung überflüssiger und ob­ soleter Therapiemaßnahmen sowie bildgebender Diagnostik (MRT, Rönt­ gen). 3. Eine Kostenverlagerung im Gesund­ heitswesen. Bei diesem Ansatz kommt laut Casser der Primärversorgung zunehmende Be­ deutung zu, da hier die Unterscheidung in spezifischen/klassifizierten und nicht spezifischen/nicht klassifizierten Kreuz­ schmerz gemacht werde. Ersterer mache etwa 15% der chronischen Rücken­ schmerzen aus und sei durch den diag­ nostischen Nachweise der Kompression neuraler Strukturen, Entzündung der Gelenke und Synchondrosen sowie In­ stabilität eines oder mehrerer Bewe­ gungssegmente charakterisiert. Letzte­ rer weise keinen sicheren kausalen Zusammenhang zwischen Beschwerden, klinischem Befund und bildgebender Diagnostik auf und solle zu einer Ver­ laufskontrolle medizinischer und psy­ chosozialer Befunde mit gleichzeitiger Zurückhaltung bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen führen, riet Casser. Denn hier handelt es sich meist um Funktionsstörungen im mus­ kuloskelettalen System. Diese sind ma­ nualdiagnostisch und -therapeutisch er­ fass- und mit Mobilisation behandelbar. Allerdings kann auch hier die persistie­ rende Nozizeption aus Gelenken, Bän­ dern, Disci oder Muskeln zu einer peri­ pheren oder zentralen Sensibilisierung führen, die sich als zunehmende sponta­ ne und generalisiert auftretende Hyper­ algesie oder Allodynie zeigt. All dies verweist laut Casser auf die Bedeutung einer frühzeitigen Zusam­ menarbeit mit interdisziplinärem As­ sessment und multimodalem Therapie­ ansatz. Dr. Wiebke Kathmann „Das Rückenschmerz-Symposium: Welchen Nut- zen haben neue diagnostische Methoden und Mechanismen-basierte Therapien in der klini- schen Praxis?“ Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 13. Oktober 2017 Aus Akutschmerzdienst wird Schmerzdienst Dieser Wandel in Bezeichnung und Funktion soll Patienten klarer vermitteln, welche Versorgungsleistungen er erwarten kann, und auch das tatsächliche Leistungsangebot für andere Player im Team klarer widerspiegeln. D ie alte Definition über die Anwen­ dung von invasiven Katheterverfah­ ren außerhalb von Stationen scheint nicht mehr zielführend. Dennoch haben 80% der Kliniken einen Akutschmerz­ dienst, der außer Katheterverfahren kei­ ne weiteren Angebote vorhält. Dies sei nicht länger zeitgemäß, wie Dr. Joachim Erlenwein, Spezielle Schmerztherapie, Klinik für Anästhesie, Universitätsme­ dizin Göttingen, betonte. Denn einer­ seits hätten viele Patienten heutzutage neben den chronischen Schmerzen wei­ tere Komorbiditäten, andererseits sei die Schmerzversorgung in den konservati­ ven Fächern schlecht. Zudem ließen sich viele Schmerzprobleme von nicht opera­ blen Patienten nicht mittels Patienten­ kontrollierter Analgesie (PCA) mit Pumpe behandeln. Auf diese Patienten, die womöglich neben akuten auch noch chronische oder Tumorschmerzen hät­ ten, seien heutige Akutschmerzdienste nicht vorbereitet. In einem Drittel der Krankenhäuser seien sie aber die einzi­ ge auf die Behandlung von Schmerzen spezialisierte Struktur. Daher müssten die Leistungen an den Bedarf angepasst und spezielle nicht invasive Leistungen als Teil von etablierten Versorgungskon­ zepten integriert werden. Drei Kernfunktionen definiert Laut Erlenwein geht es um drei Kern­ funktionen – die Versorgung mit inva­ siven Analgesieverfahren, die schmerz­ medizinische Beurteilung im Auftrag des behandelnden Arztes (Konsiliartä­ tigkeit) und die schmerzmedizinische Mitbetreuung im Auftrag des behan­ delnden Arztes (Liasontätigkeit). Im Krankenhaus sind diese üblicherweise in die Bereiche allgemeine Versorgung und spezialisierte Versorgung unterglie­ dert, wobei interdisziplinäre Vereinba­ rungen die Verknüpfung zwischen den Ebenen darstellen. Im Kontakt zum Pa­ tienten müsse aber ein gemeinsames Auftreten im Sinne eines interdisziplinä­ ren Teams angestrebt werden, so Erlen­ wein. Die Kompetenzen der einzelnen Team­ mitglieder müssten genau definiert wer­ den, ebenso die Mindestanforderungen an ihre Qualifikation. Als organisatori­ sche Voraussetzungen für den Schmerz­ dienst der Zukunft nannte Erlenwein zu­ demKompetenzen durch Fort- undWei­ terbildung, Richtwerte für die Zeit pro Patient und Kontakt für die Erstanam­ nese, Katheterversorgung, Konsilar­ dienst sowie passende apparative und räumliche Ressourcen. Werde all dies zusammen mit einer guten und für alle Beteiligten zugäng­ lichen Dokumentation verknüpft und eine ergebnisbezogene Qualitätserfas­ sung durchgeführt, so könne dies das Entlassmanagement und letztlich die Versorgungssituation für die Patienten deutlich verbessern. Das Budget sichere man am besten und transparentesten über ein Umlageverfahren oder ein Kos­ ten-Center, das direkt der Klinikleitung unterstellt ist. Dr. Wiebke Kathmann „Aktualisierung der Akutschmerzleitlinie – was kommt, was bleibt, was geht?“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 12. Oktober 2017 Medizin aktuell Deutscher Schmerzkongrgess 2017 20 Schmerzmedizin 2017; 33 (6)

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQxNTg=