Schmerzmedizin 6 / 2017

LOS e.V., der unabhängigen Vereinigung aktiver Schmerzpatienten in Deutsch- land (UVSD), Lübeck, hin. Besonders wichtig sei, dass der Patient durch die Aufklärung in die Lage versetzt werde, beurteilen zu können, was die konkret vorgesehene Behandlung für ihn per- sönlich bedeuten kann. Ihre nicht reprä- sentative Befragung von 100 Mitglie- dern zu den drei Punkten „Erfahrungen mit Ärzten verschiedener Fachrichtun- gen zur gewünschten Mitentscheidung bei der Therapie“, zu „Hindernissen“, etwa durch zu geringe Kenntnisse medi- zinischer Zusammenhänge, und zu „er- lebten Reaktionen“, wenn der Arzt über die medizinischen Kenntnisse des Pati- enten informiert wurde, ergab folgendes Bild: 1. Die überwiegende Mehrheit wünscht sich eine Einbindung in die Thera- pieentscheidung. 2. Patienten wollen als ganzer Mensch und nicht als Erkrankung betrachtet werden. 3. Sie wünschen sich eine neutrale Be- ratung, die zu einer abgestuften Be- handlung führt. 4. Sie möchten längerfristig mit dem Arzt zusammenarbeiten, gemeinsam Therapieziele formulieren, ernst ge- nommen werden. 5. Sie möchten in ihrer Ablehnung ei- nes Therapieangebotes respektiert werden. 6. Sie möchte ihr Anliegen in ausrei- chender Zeit in einem guten Ge- sprächsklima vortragen. 7. Der Einsatz professioneller Ge- sprächstechniken ist wünschenswert. 8. Patienten betrachten ein Vertrauens- verhältnis als Voraussetzung für den Behandlungserfolg und die Thera- pieadhärenz. 9. Sie möchten Bewältigungsstrategien erlernen und Lob für Ihre Fortschrit- te erhalten. 10. Nicht zuletzt würden sich Patienten Hinweise auf seriöse Patienteninfor- mationen wünschen, ob als Flyer, Er- klärvideo oder Onlineangebot. Der digitale Weg habe immer mehr An- hänger. Dr. Wiebke Kathmann „Gemeinsame Entscheidungsfindung in der Schmerzmedizin“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 12. Oktober 2017 Migräne: Zyklische Veränderungen der Resilienz Zyklisch auftretende Phänomene sind für die Migräne typisch und haben das Interesse der Forscher geweckt. Gewisse Veränderungen der Sensorik wurden nachgewiesen. Sie verbessern das Verständnis, sind klinisch aber noch ohne Relevanz. M igränepatienten weisen eine verän- derte Sensibilität gegenüber Licht, Geräuschen, Geruch und eventuell auch Geschmack auf. Parallel dazu sind Ver- änderungen der Somatosensorik, insbe- sondere gegenüber schmerzhaften Reizen, zu erwarten. Diese Veränderungen kön- nenmit psychophysikalischenMethoden untersucht werden, wie PD Dr. Barbara Namer, Institut für Physiologie und Pa- thophysiologie der Universität Erlangen- Nürnberg, und Institut für Experimen- telle Schmerzforschung der Medizini- schen Fakultät Mannheim, berichtete. Veränderte Somatosensorik Die Forschung der letzten Jahre hat ge- zeigt, dass Migränepatienten tatsächlich Veränderungen ihrer Sensorik auf noxi- sche Reize aufweisen, und zwar bei der Schwelle für Druckschmerzempfind- lichkeit, also einer veränderten extra- kraniellen Sensibilität, und der Emp- findlichkeit gegenüber elektrischen und thermischen Reizen. Da die Druck- schmerzhaftigkeit relativ parallel zur Kopfschmerzlokalisation verläuft, kön- ne der Druckschmerz im Nacken ge- nutzt werden, um Migränepatienten zu identifizieren, erklärte Namer. Untersuchungen zur Hitzeschwellen- absenkung kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen, da es sich nur zum Teil um longitudinale Untersuchungen handelte. Sie deuten aber darauf hin, dass es wohl keine massive Sensibilisierung primärer Afferenzen gibt, da die Hitzeschwellen- absenkung auch am Arm und nicht nur extrakraniell nachgewiesen werden konnte. Die Veränderungen waren un- abhängig vom Migränezyklus. In einer eigenen Untersuchung konn- ten Namer und Kollegen zudem nach- weisen, dass Migränepatienten ein vergrößertes Axonreflex-Erythem als experimentelles Korrelat für eine erhöh- te CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide)-Ausschüttung aufweisen – und zwar auch in extrakraniellen Neuronen, wiederum ohne zyklische Abhängigkeit. Ob dies darauf hindeutet, dass Nozizep- toren eine höhere Folgefrequenz haben, die Gefäße sensibler für CGRP sind oder die CGRP-Antwort gesteigert ist, lasse sich noch nicht klar beantworten, so Na- mer, wäre aber im Hinblick auf den neu- enTherapieansatz der CGRP-Hemmung mit Antikörpern interessant. Zyklische Veränderungen fanden sich in den Experimenten vor allem bei län- ger andauernden überschwelligen Rei- zen (Hitzereiz > 30 sec, elektrischer Reiz 100 Hz für 5 sec) in der Habituation be- ziehungsweise Adaptation. Sie waren in- nerhalb von 24 Stunden vor dem Kopf- schmerz beobachtbar, so Namer. Dies sei in guter Übereinstimmung mit der schon länger bestehenden Idee, dass die Habituation nicht erst während der Kopfschmerzattacke auftritt, sondern schon vorher. Namers Fazit: Ganz praktisch gesehen, könne die elektrische Stimulation, die ein relatives Schwarz-Weiß-Bild zu Ha- bituation versus Sensibilisierung ergäbe, zukünftig wohl für eine Vorhersage ge- nutzt werden. Aus forscherischer Sicht zeige sich, dass vorbestehende Verände- rungen der Sensibilität (Licht, Somato- sensotik) dann pathophysiologisch rele- vant für die Kopfschmerzgenerierung würden, wenn die Habituation, endoge- ne Schmerzhemmung oder gesteuerte Reizverarbeitung verändert, also die Bremse rausgezogen, sei. Dr. Wiebke Kathmann „Wie entstehen Schmerzattacken?“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 12. Oktober 2017 Schmerzmedizin 2017; 33 (6) 17

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